Reinhard Mey – Schatzhauser: Rezension eines Albums über das Leben, den Abschied und das Weitermachen
Es gibt Alben, bei denen die Produktion immer größer werden muss. Mehr Instrumente, mehr Spuren, mehr Klangflächen. Und dann gibt es „Schatzhauser“ von Reinhard Mey. Für sein 30. Studioalbum geht der inzwischen 83-jährige Liedermacher den entgegengesetzten Weg: zurück zum denkbar einfachsten Aufbau. Eine Stimme. Eine Gitarre. Ein Lied.
Am 25. September 2026 erscheint „Schatzhauser“ mit 13 Titeln. Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Jubiläum. Obwohl Reinhard Mey seit nahezu sechs Jahrzehnten Studioalben veröffentlicht und seine Konzerte traditionell allein bestreitet, ist „Schatzhauser“ laut offizieller Albumvorstellung tatsächlich sein erstes vollständig allein eingespieltes Studioalbum. Keine Band, kein Orchester und kein Arrangement sollen zwischen Lied und Hörer stehen.
Das klingt zunächst nach radikaler Reduktion. Tatsächlich wirkt die Entscheidung jedoch wie der logische Endpunkt einer langen Karriere. Mey muss seinen Liedern nichts mehr beweisen. Die Worte sollen tragen, die Gitarre soll sie begleiten – und manchmal darf zwischen zwei Zeilen eben auch ein wenig Luft bleiben.
Inhaltlich ist „Schatzhauser“ dabei keineswegs leichtgewichtig. Liebe und Freundschaft treffen auf Kindheitserinnerungen, Verlust, Alter und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Trotzdem ist dies kein düsteres Abschiedsalbum. Universal beschreibt die Platte vielmehr mit dem Bild eines langen sommerlichen Sonnenuntergangs: Das Ende eines Tages ist sichtbar, seine Schönheit aber ebenso. Einen letzten Schlussstrich zieht Mey ausdrücklich nicht.
Genau diese Spannung macht das Album so interessant.
Albumcover „Schatzhauser“ – Coverfoto: © Victoria-Luise Mey
Kurzinfo auf einen Blick
Reinhard Meys „Schatzhauser“ von 2026 ist sein 30. Studioalbum und das erste, das er vollständig allein mit Stimme und Gitarre eingespielt hat. 13 Lieder über Liebe, Kindheit, verlorene Freunde, Alter und Tod wirken bewusst reduziert statt monumental. Besonders stark sind „Tristan“, „Mein Wald“, „In meinem Garten“ und „Kinderlied“ – ein stilles Alterswerk über Vergänglichkeit und den Wert des Lebens.
Reinhard Mey Schatzhauser Rezension: Mehr als „Über den Wolken“
Reinhard Mey wurde 1942 in Berlin geboren, lernte als Jugendlicher Gitarre und schrieb bereits in den 1960er-Jahren eigene Chansons. Sein erstes deutsches Studioalbum „Ich wollte wie Orpheus singen“ erschien 1967. Es folgte eine Karriere, die ihn zu einem der prägendsten deutschsprachigen Liedermacher machte. Neben deutschen Veröffentlichungen nahm Mey als Frédérik Mey auch zahlreiche französischsprachige Alben auf. Sein 29. Studioalbum „Nach Haus“ erreichte 2024 noch einmal Platz eins der deutschen Albumcharts.
Natürlich steht sein Name für viele bis heute zuerst für „Über den Wolken“. Doch Meys Werk ist wesentlich größer. Familiengeschichten stehen neben politischen Liedern, Alltagsbeobachtungen neben schwarzem Humor, Flugleidenschaft neben Trauer. Dabei besitzt Mey eine besondere Fähigkeit: Er kann aus einem scheinbar nebensächlichen Gegenstand oder einer beiläufigen Begegnung eine Geschichte entwickeln, in der plötzlich eine sehr große menschliche Frage steckt.
„Schatzhauser“ konzentriert viele dieser Eigenschaften auf ihre elementarste Form.
Reinhard Mey Schatzhauser Rezension- warum heißt das neue Album „Schatzhauser“?
Der Titel führt zurück in Meys Kindheit. Der Schatzhauser stammt aus Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“. Die gute Waldgestalt erfüllt Sonntagskindern Wünsche. Mey erzählt auf seiner eigenen Website augenzwinkernd, dass er zwar an einem Montag geboren wurde – allerdings um 0:15 Uhr. Vielleicht, so seine Hoffnung, lasse ihn der Schatzhauser deshalb noch als Sonntagskind durchgehen.
Der dahinterstehende Wunsch ist für das Album entscheidend: Mey möchte noch einmal von vorne anfangen. Nicht im Sinne eines Karriere-Neustarts, sondern musikalisch. Zurück zu dem Punkt, an dem ein Mensch, eine Gitarre und ein Lied vollkommen ausreichten.
Damit wird „Schatzhauser“ zu einem Album, das gleichzeitig zurück- und nach vorne schaut.
Reinhard Mey – Schatzhauser: 13 Songs Track für Track
Mey selbst bezeichnet die Zusammenstellung als „Treize à la douzaine“ – dreizehn zum Dutzend. Die Idee stammt von einem französischen Weinhändler, der ihm beim Kauf von zwölf Flaschen eine dreizehnte dazugab. Mey überträgt diese freundliche Geste auf seine Platte: zwölf Lieder – und eines obendrauf.
Bei einigen der am Veröffentlichungstag noch nicht ausführlich dokumentierten Stücke verzichte ich bewusst darauf, aus einzelnen Titeln vermeintliche Geschichten zu konstruieren. Dort steht deshalb stärker die Funktion des Songs innerhalb des Albums im Mittelpunkt.
1. Wunderarzenei
Schon „Wunderarzenei“ ist ein ausgesprochen passender Einstieg. Denn letztlich könnte man den Titel beinahe programmatisch auf Reinhard Mey selbst beziehen: Seit mehr als sechs Jahrzehnten scheint das Schreiben und Singen für ihn eine Art Lebenselixier zu sein.Gerade als Opener funktioniert der Song deshalb wie eine Einladung zurück zu den Wurzeln. Es braucht keinen orchestralen Vorhang, keine dramatische Album-Eröffnung. Stimme und Gitarre reichen. Damit legt Mey unmittelbar offen, worum es ihm auf „Schatzhauser“ musikalisch geht. Interessant ist außerdem, dass das Album an anderer Stelle ausdrücklich eine Verbindung zu seinen frühesten Tagen herstellt. In der aktuellen Besprechung des Tagesspiegels wird beschrieben, wie Mey noch einmal Orpheus anruft und damit einen Bogen zu „Ich wollte wie Orpheus singen“ schlägt – jenem Lied, das ganz am Anfang seiner Karriere stand.
„Wunderarzenei“ wirkt entsprechend wie das Öffnen einer alten Werkzeugkiste. Alles, was Mey braucht, liegt noch darin.
2. ’s isch guet gsi
Der alemannisch beziehungsweise schweizerdeutsch klingende Titel lässt sich ungefähr mit „Es ist gut gewesen“ übersetzen. Schon darin steckt eine Haltung, die „Schatzhauser“ immer wieder prägt: zurückschauen, ohne die Vergangenheit zurückholen zu wollen.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Nostalgie kann bedeuten, dass früher angeblich alles besser gewesen sei. Meys Rückblicke funktionieren anders. Menschen verschwinden, Lebensphasen gehen zu Ende und manche Orte existieren irgendwann nur noch in Erinnerungen. Das macht das Vergangene jedoch nicht wertlos. Im Gegenteil: Man kann feststellen, dass etwas schön war – und es anschließend loslassen. Dass Mey auf dem Album auch langjährigen Weggefährten musikalische Grüße mitgibt, passt dazu. Eine aktuelle Rezension verweist beispielsweise darauf, dass einer der Songs seinem langjährigen Freund und Gastronomen Pius Regli gewidmet ist.
„’s isch guet gsi“ bringt diese Grundhaltung bereits sprachlich auf einen erstaunlich kleinen Nenner: Es war gut. Und vielleicht genügt das manchmal.
3. D-ELVJ
Natürlich darf auf einem Reinhard-Mey-Album das Fliegen nicht fehlen.
„D-ELVJ“ führt in jene Welt zurück, die spätestens seit „Über den Wolken“ untrennbar mit Mey verbunden ist. Vorab wurde im Liedermacherforum berichtet, dass der Titel – als Luftfahrzeugkennung im ICAO-Buchstabieralphabet gesprochen – einen Flug von Mariensiel bei Wilhelmshaven nach Maidenhead westlich von London aufgreift. Der Tagesspiegel beschreibt die entsprechende Episode als Flug mit der „Spirit of Ostfriesland“. Besonders schön ist dabei, wie Mey seinen eigenen Mythos von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken Jahrzehnte später relativiert: Vom Boden aus möchte man fliegen – sitzt man erst einmal oben, kann die sichere Wiese plötzlich ausgesprochen verlockend wirken.
Das ist klassischer Reinhard Mey.
Er zitiert seine eigene Vergangenheit, ohne sie ehrfürchtig unter eine Glasglocke zu stellen. Stattdessen bekommt „Über den Wolken“ gewissermaßen eine kleine Altersweisheit hinterhergeschickt. Und vor allem beweist „D-ELVJ“, dass „Schatzhauser“ trotz seiner schweren Themen Humor besitzt.
4. Tristan
„Tristan“ gehört für mich zu den stärksten Ideen des Albums.
Mey steht gemeinsam mit seinem Enkel im Naturkundemuseum vor einem Dinosaurierskelett. Aus dieser vollkommen alltäglichen Großvater-Enkel-Situation entwickelt sich plötzlich ein Gedankensprung über die gesamte Menschheitsgeschichte. Mey stellt sich vor, wie irgendwann in ferner Zukunft eine intelligentere Spezies durch ein Museum laufen könnte – und dort den Menschen als gescheiterten Versuch der Evolution und seiner übrigen Fehlbarkeiten betrachtet.
In der Vitrine stünde dann vielleicht ausgerechnet ein Knochenmann mit Saiteninstrument. Das ist gleichermaßen komisch und unangenehm treffend. „Tristan“ zeigt hervorragend, was Mey als Liedermacher auszeichnet. Der Ausgangspunkt ist konkret und persönlich, doch plötzlich wird daraus eine universelle Frage: Was bleibt eigentlich von uns?
Gleichzeitig verhindert die absurde Vorstellung des ausgestellten Gitarristen jeden Anflug von übertriebener philosophischer Schwere.
5. Mimi la moustache
Allein der französische Titel „Mimi la moustache“ erinnert daran, dass Frankreich in Reinhard Meys musikalischer Biografie eine entscheidende Rolle spielt. Als Frédérik Mey baute er sich schon früh parallel zur deutschen Karriere ein französischsprachiges Publikum auf.
Innerhalb von „Schatzhauser“ sorgt der Titel deshalb schon sprachlich für einen kleinen Perspektivwechsel. Nach dem philosophischen „Tristan“ tut dem Album eine stärker chansonhafte Figurenminiatur gut. Genau solche Charakterstücke gehören seit den Anfangsjahren zu Meys Repertoire: Menschen bekommen Namen, Eigenheiten und Geschichten, und aus ihnen entstehen innerhalb weniger Minuten kleine Bühnenstücke. Entscheidend ist dabei die reduzierte Produktion. Ohne Band oder orchestrale Dramaturgie muss Mey die Figur ausschließlich mit Sprache, Rhythmus, Stimme und Gitarrenspiel lebendig machen. Das entspricht dem Grundgedanken des Albums vielleicht stärker als ein aufwendig arrangiertes Chanson es könnte.
6. Mit dir an meiner Seite
Ein Reinhard-Mey-Album ohne Liebeslied wäre kaum vollständig. Der Tagesspiegel nennt „Mit dir an meiner Seite“ entsprechend ausdrücklich als einen dieser vertrauten Eckpunkte der Platte. Gerade auf „Schatzhauser“ bekommt ein Liebeslied jedoch ein anderes Gewicht als auf dem Album eines 25-Jährigen. Liebe bedeutet hier nicht ausschließlich Verliebtheit und Aufbruch. Sie umfasst gemeinsam verbrachte Zeit, Erinnerungen und das Wissen, dass kein gemeinsamer Weg unbegrenzt ist. Dadurch liegt hinter der Zuneigung immer auch ein leiser Schatten der Vergänglichkeit.
Das Lied braucht deshalb keine spektakuläre Idee. Sein Kern steckt bereits im Titel: Jemand ist da. Mit zunehmender Lebenszeit kann genau diese Feststellung größer werden als jede pathetische Liebeserklärung.
7. Zwei Köfferchen
„Zwei Köfferchen“ ist schon aufgrund seines Bildes ein typischer Mey-Titel. Ein Koffer bedeutet Reise, Aufbruch und Heimkehr – gleichzeitig aber auch Reduktion auf das, was ein Mensch wirklich mitnehmen kann. Innerhalb eines Albums, das ständig zwischen Lebensreise, Erinnerung und Abschied pendelt, wirken ausgerechnet zwei kleine Koffer deshalb wie ein sehr bewusst gesetztes Motiv. Großer Besitz spielt in dieser Welt keine entscheidende Rolle. Was bleibt, sind Erlebnisse, Beziehungen und Geschichten. Gerade solche scheinbar unspektakulären Gegenstände hat Reinhard Mey immer wieder zu Trägern größerer Gedanken gemacht. „Zwei Köfferchen“ passt deshalb hervorragend in die dramaturgische Mitte der Platte: Das Album wird persönlicher und zugleich nachdenklicher, ohne bereits vollständig in die später dominierende Abschiedsthematik einzutauchen.
8. Mein Wald
Spätestens bei „Mein Wald“ liegt das Herz von „Schatzhauser“ offen.
Der Wald ist zunächst Erinnerungsraum. Kindheit, Verstecke und eingeritzte Herzen stehen für eine Zeit, in der Natur vor allem Abenteuer bedeutete. Heute liest Mey denselben Wald anders. Die fallenden Blätter werden zu Bildern der eigenen Vergänglichkeit. Der Tagesspiegel beschreibt „Mein Wald“ deshalb gewissermaßen als Titelsong des Albums, obwohl das Stück nicht „Schatzhauser“ heißt. Denn hier taucht die namensgebende Märchenfigur auf: Mey denkt daran, eines Tages beim Schatzhauser unter der Erde auszuruhen.
Das könnte makaber sein. Ist es aber nicht.
Vielmehr entsteht eine beinahe friedliche Vorstellung davon, Teil desselben Kreislaufs zu sein wie die Bäume und Blätter. Der Wald erklärt die Vergänglichkeit nicht zur Katastrophe. Er zeigt, dass Werden und Vergehen zusammengehören. Damit ist „Mein Wald“ einer der zentralen Songs des Albums.
9. In meinem Garten – 2026 Version
„In meinem Garten“ nimmt auf „Schatzhauser“ eine Sonderstellung ein. Das Lied stammt ursprünglich aus dem Jahr 1970 und ist damit mehr als ein halbes Jahrhundert älter als die übrige Platte.
Seine Wiederkehr hat eine bemerkenswerte Vorgeschichte. 2025 tauchte der Song in der Netflix-Dokumentation über den Rapper Haftbefehl auf. In einer emotionalen Krisenszene hört Haftbefehl das alte Mey-Lied und bezeichnet es sinngemäß als ausgesprochen intensiv. Anschließend entdeckte ein völlig neues Publikum „In meinem Garten“, der Titel kehrte sogar in die Charts zurück. Für „Schatzhauser“ nahm Mey ihn erneut auf und widmete diese Fassung Aykut Anhan, also Haftbefehl.
Inhaltlich ist das Lied erstaunlich zeitlos. Ein verwilderter Garten, Rittersporn und ein Rabe werden zu Bildern für Liebe und Fürsorge. Das lyrische Ich versucht, Dinge zu verbessern und zu beschützen – und muss erleben, dass zu viel Pflege ebenfalls zerstören kann. Die Angst, schließlich auch den geliebten Menschen zu verlieren, steht dahinter.
Auf „Schatzhauser“ erhält dieser Song noch eine zusätzliche Ebene. Ein 83-jähriger Reinhard Mey begegnet einem Lied seines kaum 30-jährigen Ichs. Dazwischen liegt nahezu ein vollständiges Menschenleben. Genau deshalb gehört „In meinem Garten“ zwingend auf dieses Album.
10. Abendlied
Ein Album, dessen offizielle Beschreibung das Bild eines langen Sonnenuntergangs verwendet, braucht beinahe zwangsläufig ein „Abendlied“.
Der Abend besitzt auf „Schatzhauser“ jedoch zwei Bedeutungen. Natürlich steht er für Ruhe und den Abschluss eines Tages. Gleichzeitig lässt er sich kaum davon trennen, dass Mey an mehreren Stellen über die späte Phase des eigenen Lebens schreibt. Das Entscheidende ist der Tonfall.
Der Abend wird nicht zum finsteren Vorraum der Nacht. Er darf schön sein. Vielleicht gerade deshalb, weil man weiß, dass er nicht endlos dauert. In der Dramaturgie der Platte ist „Abendlied“ deshalb ein wichtiger Ruhepunkt. Nach dem Wiedersehen mit dem jungen Reinhard Mey von „In meinem Garten“ rückt das heutige Ich wieder deutlicher ins Zentrum.
11. Alter Ego
Bei „Alter Ego“ kommt eine weitere interessante Perspektive hinzu: Wer ist eigentlich dieser Reinhard Mey, über den wir nach fast sechs Jahrzehnten vermeintlich so viel wissen? Liedermacher wirken häufig besonders autobiografisch, weil zwischen Autor, Stimme und Instrument kaum Distanz besteht. Trotzdem bleibt jedes Lied eine erzählerische Konstruktion. Ein öffentliches Ich ist nie vollständig identisch mit dem privaten Menschen dahinter.
Gerade deshalb passt „Alter Ego“ gut auf ein Album, das permanent mit unterschiedlichen Lebensaltern und Versionen desselben Menschen arbeitet. Da ist der junge Musiker, der wie Orpheus singen wollte. Der flugbegeisterte Mey von „Über den Wolken“. Der Vater und Großvater. Der humoristische Geschichtenerzähler. Und schließlich der 83-Jährige, der über seinen eigenen Tod schreiben kann.
„Alter Ego“ fügt sich damit als selbstreflexiver Moment in ein Album ein, auf dem Vergangenheit und Gegenwart ohnehin ständig miteinander sprechen.
12. Wo sind all meine Freunde hin
Dann wird es schwer.
„Wo sind all meine Freunde hin“ beschäftigt sich mit einer Erfahrung, die im höheren Alter zwangsläufig häufiger wird: Der eigene Freundeskreis wird kleiner. Menschen, die jahrzehntelang selbstverständlich zum Leben gehörten, sind plötzlich nicht mehr da.
Mey personifiziert den Tod dabei als stillen, ungeladenen Gast, der irgendwann aus einer vertrauten Runde auswählt – ohne Termin und ohne Vorwarnung. Mehr braucht der Song eigentlich nicht. Gerade die Abwesenheit großer Dramatisierung macht ihn stark. Trauer besteht schließlich häufig nicht aus einem permanenten emotionalen Ausnahmezustand. Viel brutaler kann die Erkenntnis sein, dass jemand bei einem Treffen einfach nicht mehr auf seinem gewohnten Platz sitzt. Das Lied fügt sich damit unmittelbar in das Thema des Albums ein: Abschied wird nicht abstrakt behandelt. Er findet bei konkreten Menschen statt.
Und irgendwann wird aus der Frage „Wo sind all meine Freunde hin?“ eine Frage, die sehr viele Hörer aus eigener Erfahrung verstehen.
13. Kinderlied
Für das Ende hebt sich Reinhard Mey den emotional vielleicht stärksten Moment auf.
„Kinderlied“ schaut einerseits zurück in die eigene Kindheit, andererseits direkt auf den eigenen Tod. Dabei verknüpft Mey Bilder aus seiner langen Diskografie. Es wird noch einmal „Viertel von sieben“, eine vertraute Zeitangabe aus einem früheren Lied. Und draußen wartet ein schneeweißer 51er Kapitän – jenes Auto, das Mey bereits 1994 in einem Lied über seinen Vater verewigte. Plötzlich scheint die Zeit ihre Richtung zu verlieren. Der alte Mann wird gedanklich wieder zum Kind. Eltern, Zuhause und vertraute Gegenstände tauchen erneut auf. Der Tod erscheint dabei weniger als Absturz ins Nichts denn als mögliche Heimkehr in eine Geborgenheit, von der Mey selbst nicht behauptet, sicher zu wissen, ob sie existiert.
Gerade dieses Zweifeln macht den Song glaubwürdig. Mey predigt keine Gewissheit. Und dann passiert am Schluss etwas sehr Schönes: Enkelin Sasha übernimmt mit ihrer jungen Stimme die letzten Klänge. Der Tagesspiegel beschreibt diesen Moment treffend als Brücke in die Zukunft. Ein Album, das so intensiv über Vergänglichkeit nachdenkt, endet also nicht mit dem alten Mann allein.
Es endet mit einem Kind.
Das ist vielleicht die stärkste Aussage, die „Schatzhauser“ machen kann.
Das Cover von „Schatzhauser“: Im Abendlicht zwischen Rückblick und Aufbruch
Kaum ein Bild könnte die Grundstimmung von Reinhard Meys „Schatzhauser“ treffender einfangen als das Albumcover. (siehe oben) Mey steht nicht im Mittelpunkt einer aufwendig inszenierten Studioproduktion, sondern erscheint lediglich als dunkle Silhouette am Rand eines Sees. Sein Blick führt nicht zur Kamera, sondern hinaus über das Wasser und direkt in einen Sonnenuntergang. Schon dadurch wirkt das Motiv weniger wie ein klassisches Künstlerporträt als wie ein stiller Moment des Nachdenkens.
Gerade im Zusammenhang mit den Liedern des Albums bekommt diese Szene zusätzliche Bedeutung. „Schatzhauser“ beschäftigt sich immer wieder mit Erinnerung, Alter, verlorenen Freunden, Kindheit, Natur und der eigenen Vergänglichkeit. Der Sonnenuntergang liegt als Bild dafür fast auf der Hand: Ein Tag neigt sich seinem Ende zu, doch ausgerechnet in dieser Phase entstehen noch einmal besonders intensive Farben.
Nur Reinhard Mey und seine Gitarre: Warum die Reduktion funktioniert
Fast sechzig Jahre nach seinem ersten Album könnte Reinhard Mey jede erdenkliche Produktion auffahren. Stattdessen entfernt er auf „Schatzhauser“ nahezu alles.
Das ist kein Mangel, sondern das eigentliche Konzept. Mey selbst beschreibt den Wunsch, noch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: neue Lieder ganz schlicht aufzunehmen, nur mit Gitarre und Stimme und mit den Freiheiten eines Solisten bei Tempo, Ausdruck und Interpretation.
Dadurch gibt es kaum Verstecke. Ein großes Orchester könnte einem schwächeren Satz Bedeutung verleihen. Eine opulente Produktion könnte über eine mittelmäßige Melodie hinwegtäuschen. Auf „Schatzhauser“ müssen Text, Stimme und Gitarre allein bestehen. Gerade bei Mey ist das konsequent. Schließlich bestand seine eigentliche Stärke nie darin, besonders aufwendige Klangwelten zu erschaffen. Es war die Fähigkeit, mit wenigen Worten eine Situation vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Auf „Schatzhauser“ kehrt er deshalb nicht nur zu seinen musikalischen Anfängen zurück.
Er reduziert seine Kunst auf das, was von Anfang an entscheidend war.
Reinhard Mey Schatzhauser Rezension – Zwischen „Ich wollte wie Orpheus singen“ und „Kinderlied“
Besonders stark wird das Album durch seine zahlreichen Zeitachsen.
1967 steht der junge Reinhard Mey mit „Ich wollte wie Orpheus singen“ am Beginn seiner Plattenkarriere. Ein Song von 1970 taucht plötzlich 2026 erneut auf. „Über den Wolken“ bekommt im Flieger eine augenzwinkernde Gegenperspektive. Frühere Familienlieder liefern Bilder für „Kinderlied“. Und ein Enkel steht mit seinem Großvater vor einem Dinosaurier, während beide über zukünftige Generationen nachdenken.
Vergangenheit ist hier nie abgeschlossen.
Sie wird neu betrachtet.
Vielleicht ist das überhaupt das zentrale Thema von „Schatzhauser“. Alter bedeutet nicht bloß, immer mehr hinter sich zu haben. Es bedeutet ebenso, immer mehr Material zu besitzen, das man noch einmal anders verstehen kann.
Ist „Schatzhauser“ ein Abschiedsalbum?
Diese Frage drängt sich natürlich auf.
Reinhard Mey ist 83 Jahre alt, singt über verstorbene Freunde, über fallende Blätter und schließlich über den eigenen Tod. Dazu kommt das Bild des abendlichen Lichts auf dem Cover. Trotzdem sollte man „Schatzhauser“ nicht vorschnell zum Abschiedsalbum erklären. Mey selbst schrieb bereits bei der Ankündigung, dass er nicht daran denke aufzuhören. Auch der offizielle Pressetext betont ausdrücklich, vom „letzten Album“ sei keine Rede.
Und eigentlich beweist schon die Existenz dieser Platte das Gegenteil.
Wer wirklich nur noch Bilanz ziehen wollte, hätte ein Best-of aufnehmen oder frühere Erfolge neu orchestrieren können. Mey schreibt stattdessen neue Lieder, gräbt Erinnerungen aus, erzählt einen Flugwitz, denkt sich mit seinem Enkel eine zukünftige Spezies aus und nimmt seinen alten Garten-Song nach einer unerwarteten Begegnung mit der deutschen Rapkultur noch einmal auf.
Das klingt nicht nach Stillstand. Es klingt nach jemandem, der weiß, dass seine Zeit begrenzt ist – und deshalb noch etwas mit ihr anfangen möchte.
Fazit: Reinhard Mey – „Schatzhauser“ braucht nicht mehr als eine Stimme, eine Gitarre und ein gelebtes Leben
„Schatzhauser“ von Reinhard Mey ist ein ungewöhnliches Alterswerk, gerade weil es nicht permanent beweisen möchte, ein bedeutendes Alterswerk zu sein.
Die Themen wären groß genug: Tod, Familie, Liebe, verlorene Freunde, Kindheit und die Frage, was am Ende eines Lebens bleibt. Doch Mey begegnet ihnen nicht mit orchestraler Monumentalität. Stattdessen sitzt dort ein Mann mit seiner Gitarre und erzählt.
Mehr braucht es tatsächlich nicht.
Zu den stärksten Stücken gehören für mich „Tristan“, weil aus einem Museumsbesuch eine herrlich absurde Betrachtung der Menschheit entsteht, „Mein Wald“ mit seiner ruhigen Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit und natürlich „In meinem Garten“, weil hier 56 Jahre zwischen zwei Versionen desselben Liedes liegen. Noch stärker trifft mich allerdings das letzte Drittel. „Wo sind all meine Freunde hin“ formuliert eine Erfahrung des Älterwerdens ohne unnötige Verklärung. Und „Kinderlied“ schafft etwas Bemerkenswertes: Es blickt dem eigenen Tod entgegen und endet trotzdem nicht im Dunkeln, sondern bei Kindheit, Familie und schließlich der Stimme einer Enkelin.
Dass Mey dabei frühere Lieder und Erinnerungen erneut besucht, wirkt nicht wie nostalgisches Recycling. „Schatzhauser“ verwendet die Vergangenheit als Gesprächspartner. Vielleicht ist deshalb auch die Entscheidung für nur Stimme und Gitarre so richtig. Nach fast 60 Jahren muss nichts mehr ausgeschmückt werden.
Man hört keine große Abschiedsgeste. Man hört einen Liedermacher, der sehr genau weiß, dass ein Sonnenuntergang irgendwann endet – der aber offenbar noch lange nicht vorhat, deshalb vorzeitig nach Hause zu gehen.
„Schatzhauser“ ist damit weniger ein Album über das Sterben als über den Wert des Lebens, wenn man seine Endlichkeit kennt.
Webseite des Künstler: Reinhard Mey – offizielle Website
FAQ zu Reinhard Mey – Schatzhauser
Wann erschien „Schatzhauser“ von Reinhard Mey?
„Schatzhauser“ erschien am 25. September 2026. Es ist Reinhard Meys 30. reguläres Studioalbum.
Wie viele Songs sind auf „Schatzhauser“?
Das Album enthält 13 Lieder: „Wunderarzenei“, „’s isch guet gsi“, „D-ELVJ“, „Tristan“, „Mimi la moustache“, „Mit dir an meiner Seite“, „Zwei Köfferchen“, „Mein Wald“, „In meinem Garten“, „Abendlied“, „Alter Ego“, „Wo sind all meine Freunde hin“ und „Kinderlied“. Mey bezeichnet das augenzwinkernd als „Treize à la douzaine“ – zwölf plus einen als Zugabe.
Warum heißt das Album „Schatzhauser“?
Der Schatzhauser ist eine Figur aus Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“. Er gilt als weise und gutherzig und erfüllt Sonntagskindern Wünsche. Mey verbindet die Figur mit seinem Wunsch, musikalisch noch einmal zu den eigenen Anfängen zurückzukehren.
Hat Reinhard Mey „Schatzhauser“ allein aufgenommen?
Ja. Laut offizieller Albumvorstellung ist „Schatzhauser“ das erste Studioalbum seiner Karriere, das Mey vollständig allein eingespielt hat. Zu hören sind im Kern seine Stimme und seine Gitarre.
Ist „Schatzhauser“ Reinhard Meys letztes Album?
Das ist nicht angekündigt. Im Gegenteil: Sowohl Meys eigene Äußerungen als auch der offizielle Pressetext widersprechen einer solchen Festlegung. Trotz der intensiven Beschäftigung mit Alter, Verlust und Tod versteht sich „Schatzhauser“ nicht ausdrücklich als Abschiedsalbum.
Warum ist „In meinem Garten“ auf dem neuen Album?
„In meinem Garten“ erschien ursprünglich 1970. Nachdem der Song 2025 durch die Netflix-Dokumentation über Haftbefehl überraschend ein neues Publikum erreichte, nahm Mey ihn für „Schatzhauser“ in einer 2026-Version erneut auf und widmete sie Aykut Anhan alias Haftbefehl.
Worum geht es in „Mein Wald“?
„Mein Wald“ verbindet Kindheitserinnerungen mit dem Thema Vergänglichkeit. Der Wald, früher ein Ort für Abenteuer und Erinnerungen, wird für den älteren Mey zum Sinnbild für den natürlichen Kreislauf aus Werden und Vergehen. In diesem Lied findet sich auch die Verbindung zur namensgebenden Figur des Schatzhausers.
Worum geht es im letzten Song „Kinderlied“?
„Kinderlied“ beschäftigt sich mit dem eigenen Tod und verbindet ihn mit Erinnerungen an Kindheit, Eltern und frühere Lieder. Am Ende ist Meys Enkelin Sasha zu hören – ein bewusstes musikalisches Zeichen dafür, dass nach einer Generation die nächste folgt.


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