Tricky – Different When It’s Silent: Dunkle Schönheit zwischen Trip-Hop, Rock und Trauer
Die Tricky Different When It’s Silent Rezension zeigt: Dieses Album ist keine nostalgische Rückkehr zum Bristol-Sound der 1990er-Jahre. Stattdessen greift Tricky dessen Grundelemente auf, zerlegt sie und verbindet sie mit Alternative Rock, Drum ’n’ Bass, Blues, Grime, Soul und minimalistischer Elektronik.
Mit „Different When It’s Silent“ veröffentlicht Tricky ein Album, das gleichzeitig vertraut und überraschend wirkt. Vertraut ist die düstere Atmosphäre, in der flüsternde Stimmen, brüchige Beats und schwer greifbare Emotionen miteinander verschmelzen. Überraschend ist dagegen, wie stark Gitarren, männlicher Falsettgesang und beinahe klassische Songstrukturen diesmal in den Vordergrund treten.
Das am 17. Juli 2026 über Trickys eigenes Label False Idols erschienene Werk umfasst 14 Songs mit einer Gesamtspielzeit von rund 41 Minuten. Es ist sein erstes reguläres Studioalbum unter dem Namen Tricky seit „Fall to Pieces“ aus dem Jahr 2020. Entstanden sind die Aufnahmen zwischen seiner neuen Heimat in Frankreich und seiner Geburtsstadt Bristol.
Albumcover: Tricky – „Different when its silent“, © 2026, Quelle: Spotify, Rechte bei den jeweiligen Rechteinhabern
Different When It’s Silent: Trickys Rückkehr unter eigenem Namen
Obwohl zwischen „Fall to Pieces“ und „Different When It’s Silent“ sechs Jahre liegen, war Tricky keineswegs untätig. Er veröffentlichte unter anderem Musik als Lonely Guest und Theis Thaws. Außerdem entstand gemeinsam mit seiner langjährigen Sängerin Marta Złakowska das Album „Out the Way“.
Ursprünglich betrachtete Tricky die neuen Stücke offenbar ebenfalls als Material für ein Nebenprojekt. Erst sein Manager Alan McGee überzeugte ihn davon, die Aufnahmen als reguläres Tricky-Album zu veröffentlichen.
Diese Entstehungsgeschichte passt zur Musik. „Different When It’s Silent“ klingt nicht so, als habe jemand bewusst versucht, ein möglichst repräsentatives Karrierewerk aufzunehmen. Vielmehr besitzen die Songs etwas Unmittelbares. Ideen werden nicht übermäßig ausproduziert, sondern häufig in ihrer rohen, manchmal beinahe unfertigen Form festgehalten.
Gerade dadurch entwickelt das Album seine besondere Intensität.
Ist Different When It’s Silent noch Trip-Hop?
Tricky gehörte in den 1990er-Jahren zu den prägenden Künstlern jener Bewegung, die später unter dem Begriff Trip-Hop zusammengefasst wurde. Allerdings stand er dieser Genrebezeichnung stets skeptisch gegenüber. Auch „Different When It’s Silent“ zeigt, warum sich seine Musik nur schwer auf ein einzelnes Etikett reduzieren lässt.
Typische Trip-Hop-Merkmale sind dennoch vorhanden: verlangsamte Hip-Hop-Rhythmen, dunkle Bassfiguren, atmosphärische Samples und ein Gefühl unterschwelliger Bedrohung. Gleichzeitig treten verzerrte Gitarren, Drum-’n’-Bass-artige Produktionen, Blues-Strukturen und alternative Rocksounds hinzu.
Wer mehr über die Entstehung, die wichtigsten Merkmale und zentrale Künstler dieses Genres erfahren möchte, findet weitere Hintergründe in unserem Grundlagenartikel „Was ist Trip-Hop?“.
Mitch Sanders als zentrale Stimme
Eine der wichtigsten Veränderungen betrifft den Gesang. Während Tricky in der Vergangenheit häufig mit Sängerinnen wie Martina Topley-Bird, Francesca Belmonte oder Marta arbeitete, wird „Different When It’s Silent“ überwiegend von einer männlichen Stimme geprägt.
Mitch Sanders singt mit einem hohen, verletzlichen Falsett, das einen wirkungsvollen Gegensatz zu Trickys gepresstem Flüstern, Murmeln und Sprechgesang bildet. Sanders klingt häufig schwebend und beinahe schwerelos, während Tricky im Hintergrund wie eine dunkle, körperlose Präsenz auftaucht.
Dieser Kontrast wird zum klanglichen Leitmotiv des gesamten Albums.
Wie klingt Tricky – Different When It’s Silent?
Das Album wirkt zunächst ausgesprochen reduziert. Bässe, einzelne Drum-Schläge, sparsame Synthesizerflächen und fragmentarische Gitarren lassen viel Raum zwischen den Tönen. Allerdings ist diese Leere niemals beruhigend. Vielmehr scheint hinter jedem Geräusch etwas Unausgesprochenes zu lauern.
Zudem verzichtet Tricky weitgehend auf große Höhepunkte oder klar aufgelöste Spannungsbögen. Viele Songs kreisen um kurze rhythmische und melodische Motive. Dadurch entsteht eine mantraartige Wirkung. Gleichzeitig kann diese Konsequenz beim ersten Hören auch monoton erscheinen.
Dennoch verändert sich das Klangbild im Verlauf. Während die erste Albumhälfte stärker von elektronischen Beats und verzerrten Gitarren bestimmt wird, treten später Streicher, Klavier, akustische Gitarren, Gospel-Anklänge und opernhafte Stimmen hinzu.
Tricky – Different When It’s Silent: Alle Songs in der Einzelkritik
1. I Still See Me There
„I Still See Me There“ eröffnet das Album mit einem langsamen, beinahe skelettierten Groove. Bass, Kickdrum, Hi-Hat, zurückgenommene Synthesizer und eine kriechende Gitarre bilden ein bewusst karges Fundament.
Darüber erhebt sich Mitch Sanders’ Falsett, das gleichzeitig zerbrechlich und entrückt klingt. Tricky bleibt dagegen größtenteils im Hintergrund. Seine Stimme wirkt wie ein dunkler Schatten, der Sanders’ Gesang kommentiert, ohne sich vollständig zu erkennen zu geben.
Rhythmisch bewegt sich das Stück in einem schleppenden Siebenachteltakt. Dadurch entsteht ein leicht schwankendes Gefühl, als würde der Song nie ganz festen Boden erreichen. Außerdem verweist der Beginn auf „Makes Me Wanna Die“ vom 1996 erschienenen Album „Pre-Millennium Tension“.
Als Einstieg funktioniert „I Still See Me There“ hervorragend. Der Song führt unmittelbar in eine Welt aus Erinnerung, Verlust und innerer Unruhe.
2. I’m Yours
Bei „I’m Yours“ treffen verhältnismäßig filigrane Strophen auf einen deutlich härteren Refrain. Sobald die verzerrten Gitarren einsetzen, scheint die zuvor aufgestaute Spannung für einen Moment auszubrechen.
Allerdings bleibt selbst dieser Ausbruch kontrolliert. Tricky setzt nicht auf klassischen Rock-Bombast, sondern auf kurze, raue Gitarrenschübe. Dazwischen zieht sich die Musik wieder zurück und überlässt Mitch Sanders’ hoher Stimme den Raum.
Das Wechselspiel zwischen laut und leise erinnert stellenweise an Alternative Rock der 1990er-Jahre. Trotzdem bleibt Trickys Handschrift unverkennbar. Die Instrumente erscheinen nie sauber voneinander getrennt, sondern wirken wie Bestandteile einer dunklen, flackernden Klangmasse.
„I’m Yours“ gehört zu den unmittelbarsten Songs des Albums und besitzt trotz seiner Brüchigkeit einen erstaunlich einprägsamen Kern.
3. Be Still in the Pain
„Be Still in the Pain“ ist einer der stärksten Titel der Platte. Über schweren, langsam drückenden Beats treffen Mitch Sanders und der Bristoler Rapper Run Red Rambo aufeinander.
Sanders liefert den emotionalen Mittelpunkt, während der Rap-Part eine robustere, beinahe trotzige Perspektive einbringt. Tricky verbindet beide Ebenen durch schleifenartige Elektronik und ein Arrangement, das immer dichter wirkt, obwohl vergleichsweise wenige Elemente zu hören sind.
Besonders überzeugend ist das Spannungsverhältnis zwischen Selbstbehauptung und Verletzlichkeit. Der Song handelt nicht davon, den Schmerz zu überwinden. Stattdessen scheint er dazu aufzufordern, in diesem Schmerz auszuharren und ihn als Teil der eigenen Existenz anzuerkennen.
Dadurch wird „Be Still in the Pain“ zu einem zentralen Moment des Albums. Es ist ein Stück über Widerstandskraft, das dennoch keine einfachen Antworten anbietet.
4. I Tried
Auch „I Tried“ arbeitet mit starken dynamischen Gegensätzen. Zunächst dominieren ein zurückhaltender Bass und ein beinahe eingefrorener Rhythmus. Anschließend brechen schroffe Gitarren in das Arrangement ein.
Diese Wechsel wirken weniger wie ein traditioneller Refrain als wie emotionale Störungen. Immer dann, wenn sich der Song zu stabilisieren scheint, reißt ihn die Gitarre wieder auf.
Mitch Sanders klingt hier besonders angespannt. Sein Falsett besitzt weniger Leichtigkeit als in anderen Stücken und scheint fortwährend gegen die Instrumente anzukämpfen. Tricky hält sich erneut zurück, bleibt aber als atmosphärische Präsenz spürbar.
Mit nur etwas mehr als zwei Minuten ist „I Tried“ ausgesprochen kompakt. Trotzdem hinterlässt das Stück einen nachhaltigen Eindruck, weil es sein emotionales Thema nicht erklärt, sondern unmittelbar hörbar macht.
5. So Cold
„So Cold“ verbindet eine Drum-’n’-Bass-artige Produktion mit einem warmen, souligen Gesang. Der Rhythmus bewegt sich schneller als bei den vorherigen Titeln, während die Atmosphäre weiterhin dunkel und gedämpft bleibt.
Gerade dieser Widerspruch macht den Song interessant. Die Beats vermitteln Bewegung, doch emotional scheint alles festzustecken. Sanders singt von Nähe und Zuneigung, während Trickys tiefe Einwürfe permanent Zweifel säen.
Dadurch wirkt „So Cold“ gleichzeitig intim und distanziert. Die Musik beschreibt einen Zustand, in dem körperliche Nähe möglich ist, echte Sicherheit jedoch unerreichbar bleibt.
Der Song gehört zu den melodischsten Momenten der Platte. Außerdem zeigt er, wie selbstverständlich Tricky elektronische Clubrhythmen, Soul und seine charakteristische düstere Klangästhetik miteinander verbindet.
6. Paris Maybe
„Paris Maybe“ ist für Tricky-Verhältnisse beinahe ein Popsong. Mitch Sanders singt eine vergleichsweise klare Melodie, während das Arrangement zwischen Alternative Rock, elektronischer Musik und einer verhalten romantischen Stimmung pendelt.
Allerdings ist die Romantik instabil. Schon der Titel „Paris Maybe“ klingt nicht nach Gewissheit, sondern nach einer Möglichkeit, einer Erinnerung oder einer Vorstellung. Dementsprechend bleibt auch die Musik in der Schwebe.
Verzerrte Gitarren sorgen für rauere Akzente, während Sanders’ Stimme eine berührende Leichtigkeit entwickelt. Tricky vermeidet dabei jede Form von sentimentaler Überhöhung. Stattdessen wirkt der Song wie ein kurzer Moment der Nähe, dessen Ende bereits absehbar ist.
„Paris Maybe“ ist einer der zugänglichsten Titel auf „Different When It’s Silent“. Dennoch bleibt der Song ausreichend kantig, um nicht wie ein Fremdkörper zu wirken.
7. Cannon Fodder
„Cannon Fodder“ nimmt das Tempo wieder zurück. Leise Orgelklänge, ein minimalistischer Beat und Mitch Sanders’ zurückhaltender Gesang bilden das Grundgerüst.
Immer wieder durchbrechen kurze Gitarrengeräusche die scheinbare Ruhe. Sie klingen nicht wie ausgearbeitete Riffs, sondern wie Störsignale. Dadurch bekommt das Stück etwas Unberechenbares.
Inhaltlich entsteht der Eindruck gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Stagnation. Bereits der Titel verweist auf Menschen, die als austauschbares Material betrachtet werden. Tricky formuliert daraus jedoch keine klassische Protesthymne. Stattdessen beschreibt er einen lähmenden Zustand, in dem Veränderung kaum noch möglich erscheint.
Musikalisch dreht sich „Cannon Fodder“ bewusst im Kreis. Genau das kann anstrengend wirken, unterstützt jedoch das Thema des Songs.
8. Because I Don’t Know
Mit rund viereinhalb Minuten ist „Because I Don’t Know“ der längste Song des Albums. Die zusätzliche Zeit nutzt Tricky für einen langsamen, kontrollierten Spannungsaufbau.
Ein schwerer Beat, eine zurückhaltende Basslinie und schwebende elektronische Flächen bilden zunächst das Fundament. Darüber klingt Mitch Sanders besonders verletzlich. Die wiederkehrende Frage nach geteiltem Schmerz gibt dem Stück eine beinahe beschwörende Wirkung.
Im weiteren Verlauf treten schärfere Gitarrentöne hinzu. Trotzdem kommt es zu keiner vollständigen Entladung. Die Spannung bleibt bestehen und zieht sich bis zum Ende durch.
„Because I Don’t Know“ gehört damit zu den emotional dichtesten Titeln der Platte. Der Song lässt Unsicherheit nicht nur als Thema erscheinen, sondern überträgt sie auf das gesamte Arrangement. Nichts fühlt sich endgültig oder abgeschlossen an.
9. Marinade
„Marinade“ basiert auf einem Song des australischen Projekts Dope Lemon, wird von Tricky jedoch weitgehend in seine eigene Klangwelt überführt. Streicher geben dem Arrangement eine neue Farbe, während der Rhythmus weiterhin schwer und zurückgenommen bleibt.
Die ursprüngliche Lässigkeit wird durch eine unterschwellige Bedrohung ersetzt. Trickys neue Texte und die dunklen Bilder lassen das Stück deutlich politischer und apokalyptischer erscheinen.
Violine und Cello sorgen dabei nicht für Wärme. Stattdessen verstärken sie das Gefühl einer herannahenden Katastrophe. Mitch Sanders singt erneut erstaunlich sanft, wodurch der Kontrast zum düsteren Inhalt noch stärker hervortritt.
„Marinade“ ist eines der besten Beispiele dafür, wie Tricky fremdes Material verarbeitet. Er interpretiert den Song nicht einfach neu, sondern zerlegt ihn und baut ihn nach seinen eigenen Regeln wieder zusammen.
10. Radana
„Radana“ bringt einen markanten Stilwechsel. Der Beat besitzt Einflüsse aus Grime und arabisch gefärbter Rhythmik, während die Rapperin Radana mit einer direkten, selbstbewussten Performance in den Mittelpunkt tritt.
Ihre Stimme wirkt hart und fokussiert. Mitch Sanders setzt dazu kurze, melodische Gegenakzente, die das Arrangement auflockern, ohne seine Bedrohlichkeit zu verringern.
Tricky gelingt es, die verschiedenen Stimmen nicht wie klassische Gastbeiträge nebeneinanderzustellen. Vielmehr werden sie zu Bestandteilen eines rhythmischen Geflechts. Dadurch bleibt „Radana“ kompakt, obwohl mehrere musikalische Perspektiven aufeinandertreffen.
Der Song gehört zu den rhythmisch prägnantesten Titeln des Albums und sorgt in der zweiten Hälfte für einen wichtigen Energieschub.
11. Piano
Der Titel „Piano“ ist erstaunlich direkt gewählt, denn das Klavier steht tatsächlich im Zentrum des Stücks. Allerdings wird es nicht als romantisches oder harmonisches Instrument eingesetzt. Die einzelnen Töne wirken isoliert und beinahe verloren.
Mitch Sanders bewegt sich vorsichtig durch das reduzierte Arrangement. Währenddessen sorgen elektronische Geräusche dafür, dass selbst die stilleren Momente niemals vollkommen sicher erscheinen.
Gegen Ende treten opernhafte Stimmen hinzu. Dadurch öffnet sich der Song plötzlich und bekommt eine fast surreale Größe. Dieser Moment wirkt jedoch nicht befreiend. Vielmehr erscheint er wie eine Erinnerung an eine Welt außerhalb des engen, dunklen Raums, in dem sich das Album bislang bewegt hat.
„Piano“ ist kein spektakulärer Titel. Als atmosphärischer Übergang funktioniert er jedoch ausgezeichnet.
12. Frontier Town
„Frontier Town“ ist mit etwa einer Minute und 40 Sekunden das kürzeste Stück des Albums. Zunächst sind summende, gospelartige Stimmen zu hören. Anschließend übernimmt Christian Pattemore von Forgotten Pharaohs den Leadgesang.
Das Arrangement bleibt weitgehend auf Stimme und kraftvolle Schlagzeugschläge reduziert. Dadurch wirkt der Titel wie ein Fragment oder ein kurzes Zwischenspiel.
Gleichzeitig besitzt „Frontier Town“ eine eigentümliche räumliche Qualität. Der Song vermittelt das Bild eines verlassenen Ortes am Rand der Zivilisation. Stimmen scheinen aus verschiedenen Richtungen zu kommen, während die Drums wie entfernte Signale durch die Leere hallen.
Gerade weil Tricky den Gedanken nicht vollständig ausarbeitet, bleibt das Stück rätselhaft. Es ist weniger ein klassischer Song als eine kurze Szene innerhalb des Albums.
13. Hengrove Blues
„Hengrove Blues“ gehört zu den leisesten und schönsten Momenten von „Different When It’s Silent“. Eine zurückhaltende akustische Gitarre begleitet Mitch Sanders, der hier besonders verletzlich und ungekünstelt klingt.
Tricky murmelt im Hintergrund und ergänzt stellenweise vorsichtige Harmonien. Anders als bei den elektronischeren Titeln gibt es kaum klangliche Ablenkung. Deshalb rückt die Beziehung zwischen den Stimmen vollständig in den Mittelpunkt.
Der Titel verweist auf Hengrove, einen Stadtteil im Süden von Bristol. Musikalisch verbindet der Song Blues, Lo-Fi-Folk und Trickys charakteristische Schattenwelt.
Gerade seine Schlichtheit macht „Hengrove Blues“ zu einem Höhepunkt. Der Song versucht nicht, Schmerz in dramatische Gesten zu übersetzen. Stattdessen klingt er erschöpft, intim und ehrlich.
14. Out of Place
Für den abschließenden Song kehrt Marta Złakowska zurück. Ihre weiche, kontrollierte Stimme trifft auf Trickys raue und gepresste Worte. Damit greift „Out of Place“ eine klassische Konstellation aus vielen früheren Tricky-Aufnahmen auf.
Elektronische Beats, kurze opernhafte Elemente und flackernde Klangflächen sorgen für ein zunehmend dringliches Arrangement. Dennoch bleibt der Titel kompakt und endet bereits nach gut zweieinhalb Minuten.
Im Mittelpunkt steht das Gefühl, nicht an den vorgesehenen Ort zu gehören. Dabei kann der Titel sowohl gesellschaftlich als auch persönlich verstanden werden. Besonders berührend ist der direkte Bezug zu Trickys verstorbener Tochter. Dadurch bekommt der Song eine biografische Schwere, ohne sich in Sentimentalität zu verlieren.
Als Finale ist „Out of Place“ hervorragend gewählt. Das Stück fasst viele zentrale Merkmale des Albums zusammen: Nähe und Distanz, Härte und Sanftheit, Trauer und fortgesetzte Kreativität.
Die Produktion: Reduktion als Ausdrucksmittel – Tricky Different When It’s Silent Rezension
„Different When It’s Silent“ ist kein klassisches HiFi-Album, das mit breiter Räumlichkeit, spektakulärer Dynamik oder besonders transparenter Instrumententrennung beeindrucken möchte. Stattdessen ist die Produktion bewusst eng, körnig und stellenweise übersteuert.
Bässe wirken trocken und schwer. Stimmen befinden sich häufig ungewöhnlich weit vorne oder scheinen aus dem Hintergrund durch die Instrumente zu dringen. Gitarren werden nicht sauber ins Stereobild gesetzt, sondern tauchen wie plötzliche Geräuschflächen auf.
Gerade über eine detailreiche Anlage fällt auf, wie viele leise Nebengeräusche, Hallräume und Texturen in den Arrangements verborgen sind. Gleichzeitig sollte man keine audiophile Hochglanzproduktion erwarten. Die Rauheit gehört zum Konzept.
Lautstärke und Dynamik
Viele Songs leben von der Dynamik – von der Spannung zwischen sehr zurückgenommenen Passagen und kurzen, schroffen Ausbrüchen. Deshalb lohnt es sich, das Album nicht nur nebenbei, sondern in angemessener Lautstärke und möglichst ohne aktivierte Klangverbesserer zu hören.
Gute Kopfhörer machen vor allem die feinen Unterschiede zwischen Trickys Stimme, Mitch Sanders’ Falsett und den räumlich verteilten Hintergrundgeräuschen deutlich. Über Lautsprecher profitiert dagegen der körperliche Charakter der Bässe und Drums.
Tricky Different When It’s Silent Rezension – Stärken und Schwächen des Albums
Die größte Stärke von „Different When It’s Silent“ liegt in seiner Konsequenz. Tricky folgt keiner aktuellen Mode und versucht nicht, frühere Erfolge zu kopieren. Stattdessen konzentriert er sich auf wenige zentrale Ausdrucksmittel: Stimme, Rhythmus, Wiederholung, Textur und Spannung.
Mitch Sanders erweist sich dabei als entscheidender Partner. Sein Falsett verleiht der Musik eine neue emotionale Farbe und verhindert, dass das Album vollständig in seiner eigenen Dunkelheit versinkt.
Allerdings verlangt die Platte Geduld. Besonders im ersten Drittel ähneln sich Tempo, Klangfarbe und Aufbau mehrerer Songs. Wer klare Refrains oder deutliche stilistische Wechsel erwartet, könnte die Musik zunächst als monoton empfinden.
Mit jedem weiteren Durchlauf treten jedoch mehr Details hervor. Kleine Gitarrengeräusche, kaum hörbare Stimmen und minimale Veränderungen in den Beats sorgen dafür, dass die Stücke allmählich ein eigenes Profil entwickeln.
Fazit zur Tricky Different When It’s Silent Rezension
„Different When It’s Silent“ ist ein konzentriertes, düsteres und emotional anspruchsvolles Album. Tricky blickt nicht nostalgisch auf seine Rolle als Trip-Hop-Pionier zurück. Vielmehr zeigt er, wie sich seine charakteristische Klangsprache auch mehr als drei Jahrzehnte nach „Maxinquaye“ weiterentwickeln lässt.
Besonders das Zusammenspiel mit Mitch Sanders prägt die Platte. Dessen verletzliches Falsett bildet einen faszinierenden Gegenpol zu Trickys rauem Sprechgesang. Gleichzeitig erweitern verzerrte Gitarren, Grime-Rhythmen, Streicher, Klavier und akustische Instrumente das vertraute Klangbild.
Nicht jeder Song entfaltet sofort eine eigene Identität. Außerdem kann die konsequent gedämpfte Grundstimmung auf Dauer fordernd wirken. Dennoch besitzt das Album eine seltene Geschlossenheit.
„Different When It’s Silent“ ist keine bequeme Platte und vermutlich auch kein Werk für den gelegentlichen Hintergrundkonsum. Wer sich auf die Wiederholungen, Brüche und leisen Details einlässt, entdeckt jedoch eines von Trickys eindringlichsten Alben der vergangenen Jahre.
Redaktionelle Wertung: 8,5 von 10 Punkten
Zur Künstlerseite: Tricky | Home
FAQ zu Tricky – Different When It’s Silent
Wann ist Different When It’s Silent erschienen?
„Different When It’s Silent“ erschien am 17. Juli 2026 über Trickys eigenes Label False Idols. Das Album wurde digital sowie auf CD und Vinyl veröffentlicht.
Tricky Different When It’s Silent Rezension – Wie viele Songs enthält das Album?
Das Album umfasst 14 Songs und besitzt eine Gesamtspielzeit von rund 41 Minuten.
Ist Different When It’s Silent ein Trip-Hop-Album?
Das Album verwendet zahlreiche Merkmale des Trip-Hop, darunter schwere Beats, dunkle Basslinien und atmosphärische Elektronik. Gleichzeitig integriert Tricky Alternative Rock, Drum ’n’ Bass, Grime, Blues, Soul und akustische Elemente. Deshalb lässt sich das Werk nicht ausschließlich dem Trip-Hop zuordnen.
Wer singt auf Different When It’s Silent?
Die meisten Songs werden von Mitch Sanders gesungen. Darüber hinaus sind Tricky selbst, Marta Złakowska, Run Red Rambo, Radana und Christian Pattemore zu hören.
Welches sind die besten Songs des Albums?
Zu den stärksten Titeln gehören „I Still See Me There“, „Be Still in the Pain“, „So Cold“, „Hengrove Blues“ und „Out of Place“. Wer einen zugänglicheren Einstieg sucht, sollte außerdem „Paris Maybe“ und „I’m Yours“ hören.
Tricky Different When It’s Silent Rezension – Ist Marinade eine Coverversion?
Ja. „Marinade“ basiert auf dem gleichnamigen Song von Dope Lemon. Tricky verändert jedoch den Text und überführt das Stück durch Streicher, schwere Rhythmen und eine deutlich düsterere Atmosphäre in seine eigene Klangwelt.
Welches Album veröffentlichte Tricky zuvor?
Das vorherige reguläre Tricky-Studioalbum war „Fall to Pieces“ aus dem Jahr 2020. In der Zwischenzeit veröffentlichte er mehrere Kollaborationen und Nebenprojekte, darunter Lonely Guest, Theis Thaws und das gemeinsam mit Marta entstandene „Out the Way“.
Für wen eignet sich Different When It’s Silent?
Das Album empfiehlt sich besonders für Hörerinnen und Hörer von experimentellem Trip-Hop, düsterer Electronica, Alternative Rock und Bristol-Sound. Fans von Portishead, Massive Attack, UNKLE oder Trickys früheren Alben dürften zahlreiche vertraute Elemente entdecken.


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