Annett Louisan – Sehnsucht: Rezension

Albumcover von Annett Louisan – Sehnsucht mit Sängerin am Swimmingpool in sommerlicher Gartenkulisse.

Mit „Sehnsucht“ veröffentlicht Annett Louisan am 11. September 2026 ein Album, dessen Titel zunächst nach unerfüllten Wünschen und romantischer Melancholie klingt. Doch die Annett Louisan Sehnsucht Rezension zeigt schnell: Hier geht es weniger darum, einem unerreichbaren Ideal hinterherzulaufen. Vielmehr beschäftigt sich Louisan mit der Frage, wie sich Sehnsüchte verändern, wenn man älter wird, Erfahrungen sammelt und manche Vorstellungen vom Leben hinter sich lässt.

Elf Songs und rund 34 Minuten reichen dafür aus. Das Album bewegt sich zwischen Chanson und Pop, streift Jazz und Blues und stellt Louisans charakteristische Stimme konsequent ins Zentrum. Inhaltlich geht es um gebrauchte Herzen, gescheiterte Beziehungen, weibliche Selbstständigkeit, Freiheit, ostdeutsche Familiengeschichte, Wechseljahre, gesellschaftliche Krisen und schließlich sogar die eigene Sterblichkeit. „Sehnsucht“ erscheint über Louisans eigenes Label Atelier Louisan und markiert damit auch unternehmerisch einen neuen Abschnitt ihrer Karriere.

Covercredit: Albumcover „Sehnsucht“ – Annett Louisan | Coverfoto: © Mischa Lorenz

Kurzinfo auf einen Blick

Annett Louisans „Sehnsucht“ von 2026 ist ein reifes Chanson-Pop-Album über das Ankommen statt über unerfüllte Wünsche. Elf Songs verbinden Piano, Akkordeon, Jazz und Blues mit Themen wie Beziehungen, weiblicher Selbstständigkeit, Älterwerden, Familiengeschichte und Sterblichkeit. Besonders stark sind die präzisen Texte, der schwarze Humor und Louisans charakteristische Stimme.

Annett Louisan: Vom „Spiel“ zur eigenen musikalischen Welt

Seit „Das Spiel“ und dem Debütalbum „Bohème“ aus dem Jahr 2004 gehört Annett Louisan zu den unverwechselbaren Stimmen des deutschsprachigen Chansons und Pop. Ihr Markenzeichen war von Beginn an der Kontrast: eine sanfte, beinahe zerbrechlich wirkende Stimme auf der einen Seite, Texte voller Ironie, Beobachtungsgabe und gelegentlich ziemlich scharfer Pointen auf der anderen. Seit ihrem Durchbruch wurden mehr als 1,5 Millionen Tonträger verkauft.

„Sehnsucht“ wirkt dabei wie die Platte einer Künstlerin, die mit Ende 40 nicht versucht, jünger zu klingen als sie ist. Im Gegenteil: Louisan macht ihre aktuelle Lebensphase zum Thema. Sie beschreibt sie selbst als eine Zeit des Ankommens, Loslassens und einer „positiven Klarheit“.

Das ist entscheidend für das Album. „Sehnsucht“ handelt zwar immer wieder von Verlust und Veränderung, klingt gedanklich jedoch weniger resigniert als aufgeräumt.

Annett Louisan – Sehnsucht: Die 11 Songs in der Track-by-Track-Rezension

1. Herz mit Gebrauchsspuren

„Herz mit Gebrauchsspuren“ eröffnet das Album mit einem Bild, das hervorragend zum gesamten Konzept passt: Ein Herz muss nicht makellos sein, um wertvoll zu bleiben. Im Gegenteil – seine Spuren erzählen davon, dass es benutzt, verliebt, enttäuscht und wieder neu geöffnet wurde.

Musikalisch wird die Chanson-Tradition besonders deutlich. Das Akkordeon gibt dem Einstieg laut RND eine sehnsüchtige Färbung, während das Piano bereits eine wichtige Klangfarbe des Albums etabliert. Vor allem aber ist die Metapher stark. Louisan romantisiert Verletzungen nicht, erklärt ein emotional bereits „gebrauchtes“ Herz aber auch nicht zum beschädigten Gegenstand. Erfahrungen gehören dazu. Das klingt einfach, besitzt jedoch eine schöne Lebensklugheit. Damit ist „Herz mit Gebrauchsspuren“ ein sehr guter Opener: leicht verständlich, melodisch zugänglich und thematisch bereits mitten im Album.

2. An deiner Seite

„An deiner Seite“ ist deutlich bissiger. Der Song erzählt von einer Beziehung, in der Liebe offenbar nur so lange problemlos funktioniert, wie die Frau nicht zu erfolgreich und selbstständig wird. Sobald sich die Kräfteverhältnisse verändern, bekommt der Partner Schwierigkeiten mit der Situation. Louisan dreht daraus eine kleine Emanzipationsgeschichte. Das lyrische Ich sitzt am Ende nicht verlassen in der Ecke, sondern hat gelernt, dass es für eine funktionierende Beziehung nicht kleiner werden muss. Louisan selbst verbindet den Song mit der Frage, ob das eigene Umfeld persönlichen Erfolg mittragen kann und wie Frauen lernen können, sich gegenseitig stärker zu unterstützen.

Genau solche Songs erinnern an die frühe Stärke von Annett Louisan: Eine Beziehungsgeschichte wird mit Humor erzählt, doch hinter dem Augenzwinkern steckt ein ziemlich klares Machtverhältnis.

3. Weltuntergang

Einer der stärksten Songs auf „Sehnsucht“ ist „Weltuntergang“. Das Grundprinzip könnte aus einer bitterbösen Gesellschaftskomödie stammen: Die Apokalypse steht bevor – doch die dringende Frage lautet zunächst, was man dazu anzieht.

Louisan nimmt damit jene absurde Gleichzeitigkeit aufs Korn, die digitale Gegenwart häufig erzeugt. Beauty-Tipps, Luxus, Lifestyle und Konsum stehen unmittelbar neben Bildern von Naturkatastrophen und Krisen. Louisan beschreibt genau dieses Nebeneinander als Auslöser eines zunehmenden Weltuntergangsgefühls. Der Song funktioniert deshalb so gut, weil er keine moralische Predigt hält. Stattdessen wird Hedonismus bis ins Absurde weitergedacht: Selbst wenn morgen nichts mehr existiert, soll heute wenigstens noch alles gut aussehen.

Das ist schwarzer Humor, aber sehr wirksamer.

4. Keine Altersvorsorge

Auch „Keine Altersvorsorge“ klingt zunächst nach einer Pointe. Tatsächlich steckt dahinter eines der ernsteren gesellschaftlichen Themen des Albums.

Louisan nimmt die Vorstellung auseinander, ein Partner könne zugleich Lebensmodell und finanzielle Absicherung darstellen. Besonders Frauen betrifft das Thema Altersarmut weiterhin überproportional. Der Song greift deshalb bewusst auf Finanzbegriffe zurück und verbindet diese mit klassischer Beziehungssprache. Das Ergebnis ist typisch Louisan: Man kann über die Pointe lachen, bevor einem bewusst wird, dass der Hintergrund gar nicht besonders lustig ist.

Musikalische und sprachliche Leichtigkeit verhindert dabei, dass aus dem Stück ein Lehrstück wird. Gerade deshalb bleibt die Botschaft hängen: Romantik und finanzielle Selbstständigkeit schließen einander nicht aus.

5. Lied von der Freiheit

Mit „Lied von der Freiheit“ wird „Sehnsucht“ ausdrücklich politisch.

Der Song erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das nach dem Mauerfall voller Hoffnung in die neu gewonnene Freiheit aufbricht. Doch Aufbruch bedeutet nicht automatisch Erfolg. Enttäuschungen und das Gefühl, nicht angekommen zu sein, verändern mit der Zeit den Blick zurück. Am Ende schlägt Sehnsucht nach Freiheit in Sehnsucht nach vermeintlicher Sicherheit und Autorität um. Gerade dieser Perspektivwechsel macht das Stück interessant. Louisan verurteilt ihre Figuren nicht einfach aus der Distanz, sondern versucht nachzuvollziehen, wie aus enttäuschten Erwartungen politische Rückwärtssehnsucht entstehen kann. Persönlich ist das Thema ebenfalls: Louisan wurde 1977 in Havelberg geboren und hat den gesellschaftlichen Umbruch nach 1989 selbst erlebt.

So gehört „Lied von der Freiheit“ zu den inhaltlich gewichtigsten Songs des Albums. Gleichzeitig erweitert es den Begriff „Sehnsucht“ um eine entscheidende Dimension: Sehnsucht kann antreiben – sie kann aber ebenso in eine idealisierte Vergangenheit führen, die so möglicherweise niemals existiert hat.

6. Generationen & Dämonen

Der sechste Song bleibt bei Vergangenheit und Herkunft, wird jedoch wesentlich persönlicher – und klingt moderner.

In „Generationen & Dämonen“ blickt Louisan auf die Frauen ihrer eigenen Familiengeschichte. Dazu gehören die Großmutter und die Mutter ebenso wie ihre Tochter Emmylou. Besonders wichtig ist dabei der Gedanke, dass sich Lebensmuster zwar über Generationen fortsetzen können, Veränderungen aber trotzdem jederzeit möglich bleiben. Louisan verweist in diesem Zusammenhang auf ihre Mutter, die selbst im mittleren Alter noch einmal begann, Dinge aufzuarbeiten und ihr Leben neu zu ordnen. Genau daraus zieht die Sängerin eine ausgesprochen optimistische Erkenntnis: Für Veränderung ist es nicht automatisch irgendwann zu spät.

Dadurch wird „Generationen & Dämonen“ zu einem wichtigen Zentrum der Platte. Vergangenheit erscheint hier nicht als Schicksal, sondern als etwas, das verstanden und gegebenenfalls korrigiert werden kann.

Das macht den Song persönlicher als viele klassische autobiografische Rückblicke.

7. Fleischgewordenes Chanson

Schon der Titel „Fleischgewordenes Chanson“ ist hervorragend gewählt, denn Annett Louisan nimmt darin gewissermaßen ihre eigene Künstlerfigur auseinander.

Das frühere Bild der durch die Nacht ziehenden Femme fatale trifft auf die heutige Louisan. Dabei geht es auch um eine Sehnsucht, die schlicht verschwunden ist: die Lust auf endlose Nächte, Alkohol und das klassische Rock-’n‘-Roll-Versprechen eines möglichst exzessiven Lebens. Louisan sagt heute selbst, dass sie sich viel stärker nach Natur, Ruhe, Lebensqualität und guten Gesprächen sehnt; seit einigen Jahren trinkt sie zudem keinen Alkohol mehr. Interessant ist, dass dieser Wandel nicht als Verlust inszeniert wird. „Fleischgewordenes Chanson“ sagt nicht: Früher war alles aufregender. Stattdessen steht die Erkenntnis dahinter, dass sich auch Bedürfnisse verändern dürfen. Was mit 25 Freiheit bedeutete, muss mit fast 50 nicht zwangsläufig immer noch Freiheit bedeuten.

Damit trifft der Song einen der wichtigsten Gedanken von „Sehnsucht“ besonders präzise.

8. Ich kann dich nicht mehr sehen

Wo klassische Liebeslieder den Beginn einer Beziehung besingen, interessiert sich Louisan in „Ich kann dich nicht mehr sehen“ für deren Endstadium.

Der Song beschreibt das radikale Entlieben: Aus vertrauten Gesten werden plötzlich nervende Angewohnheiten, aus Nähe wird Distanz und aus dem gemeinsamen Alltag etwas, das kaum noch auszuhalten ist. Musikalisch bekommt dieser emotionale Rückzug eine jazzige Färbung. Gerade diese elegante Verpackung passt hervorragend. Denn Trennungen bestehen eben nicht immer aus dramatischem Türenschlagen. Manchmal ist die Liebe schlicht verschwunden – und übrig bleibt die irritierende Frage, wann genau das eigentlich passiert ist.

Louisans Stärke liegt auch hier im Beobachten kleiner menschlicher Veränderungen. Das macht „Ich kann dich nicht mehr sehen“ zu einem der klassischsten Chanson-Momente des Albums.

9. Bis nach Hause

Bei „Bis nach Hause“ behandelt Louisan ein Thema, das in Popsongs erstaunlich selten vorkommt: die Perimenopause und damit die körperlichen Veränderungen rund um die Wechseljahre.

Statt daraus ein schweres Problemstück zu machen, packt sie das Thema in einen hellen Blues. Das RND beschreibt die Nummer sogar als an Eric Clapton erinnernd. Das ist bemerkenswert, denn schon die selbstverständliche Verwendung solcher Themen im Pop besitzt einen gewissen emanzipatorischen Effekt. Louisan möchte nach eigener Aussage gerade gegen jene Scham angehen, die Frauengesundheit und Wechseljahre lange begleitet hat. Sie kritisiert außerdem, dass medizinische Forschung in diesem Bereich über lange Zeit erhebliche Lücken aufwies.

„Bis nach Hause“ versucht deshalb gar nicht erst, die Lebensmitte unsichtbar zu machen.

Im Gegenteil: Sie bekommt ihren eigenen Blues.

Und das ist auf einem deutschsprachigen Popalbum tatsächlich ungewöhnlicher, als es sein sollte.

10. Königin der Nacht

„Königin der Nacht“ ist mit rund vier Minuten der längste Song des Albums und klanglich einer seiner auffälligsten Momente.

Die Nummer entstand bereits 2023 in Neapel gemeinsam mit Tristan Brusch und war damit gewissermaßen einer der Ausgangspunkte für die Idee, eine Platte über Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtszustände aufzunehmen. Musikalisch wird der Song als Kate-Bush-artig beschrieben, während inhaltlich mystische Bilder auftauchen. Abraxas, Walpurgisnacht und Hexensymbolik führen weg vom konkreten Alltag der vorherigen Songs und hinein in eine deutlich entrücktere Atmosphäre. Dahinter steckt allerdings wiederum ein sehr reales Thema: weibliche Kraft und Schwesternschaft. Louisan spricht selbst davon, dass dieses Bedürfnis mit zunehmendem Alter stärker geworden sei.

Gerade deshalb funktioniert der Song innerhalb des Albums so gut. „Königin der Nacht“ erzählt nicht einfach eine Fantasy-Geschichte, sondern verwendet Magie als Bild für Selbstbestimmung, weibliches Wissen und Verbundenheit.

Nach den vielen präzisen Alltagsbeobachtungen darf „Sehnsucht“ hier einmal größer träumen.

11. Ich geh nur schonmal voraus

Am Ende wird es stiller.

„Ich geh nur schonmal voraus“ richtet den Blick auf die eigene Endlichkeit. Louisan beschäftigt sich hier mit dem Tod – allerdings weniger aus Angst vor dem Sterben als aus der Perspektive der Menschen, die zurückbleiben.

Das Stück wird als besonders persönlich beschrieben. Die Stimme rückt nah an den Hörer, während der Song fast wie eine vorsichtige Nachricht an jene wirkt, die irgendwann ohne einen selbst weiterleben müssen. Damit schließt sich der Kreis zum Opener. Dort trägt ein Herz die Spuren eines gelebten Lebens. Am Ende steht die Erkenntnis, dass dieses Leben begrenzt ist. Dass Louisan daraus keinen monumentalen Abschluss macht, sondern nur gut zwei Minuten benötigt, ist eine der Stärken des Songs. Gerade die Zurückhaltung verhindert Pathos.

Nach all den ironischen Momenten bleibt am Ende deshalb tatsächlich ein kurzer Kloß im Hals.

Das Cover von „Sehnsucht“: Sommeridylle mit melancholischem Unterton

Das Cover von Annett Louisans „Sehnsucht“ wirkt auf den ersten Blick wie das Versprechen eines vollkommenen Sommertages. Ein türkisblauer Pool, üppiges Grün, ein großer Baum, weiße Gartenzäune und gelb-weiß gestreifte Liegen erzeugen eine beinahe filmische Urlaubsatmosphäre. Annett Louisan sitzt entspannt am Beckenrand beziehungsweise auf einer Sonnenliege und wird dabei nicht dominant ins Zentrum gerückt, sondern beinahe Teil dieser sorgfältig komponierten Szenerie.

Gerade dieser scheinbar sorglose Eindruck passt interessant zum Albumtitel. „Sehnsucht“ bedeutet schließlich nicht zwangsläufig, etwas Tragisches oder Unerreichbares zu vermissen. Sehnsucht kann ebenso der Wunsch nach Ruhe, Wärme, Freiheit, Rückzug oder einem bestimmten Lebensgefühl sein. Das Cover visualisiert genau einen solchen Sehnsuchtsort: einen Platz fernab von Alltag, Terminen und gesellschaftlicher Unruhe.

Gleichzeitig besitzt das Bild etwas leicht Nostalgisches. Die gestreiften Sonnenmöbel, die satte Farbgebung und die fast postkartenhafte Inszenierung erinnern an klassische Ferienfotografie vergangener Jahrzehnte. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz zur Gegenwart. Man schaut nicht einfach auf einen Pool, sondern auf eine idealisierte Vorstellung von Sommer, Leichtigkeit und einem Leben, das für einen Moment stillzustehen scheint.

Besonders wirkungsvoll ist die Typografie. Der Künstlername „ANNETT LOUISAN“ steht groß und klar in weißen Versalien über dem Motiv, während „Sehnsucht“ in geschwungener gelber Schreibschrift darübergelegt ist. Auch hier treffen zwei Ebenen aufeinander: klare Präsenz und romantische Verspieltheit. Dieser Gegensatz passt gut zu einem Album, das persönliche und gesellschaftliche Themen behandelt, dabei aber musikalisch nicht in Schwere versinkt.

So funktioniert das Cover letztlich wie eine visuelle Kurzfassung des Albums: Es zeigt einen Sehnsuchtsort, ohne zu erklären, ob dieser Ort tatsächlich erreichbar ist – oder vielleicht nur in der Vorstellung existiert.

Zwischen Chanson, Piano, Jazz und Blues: Wie klingt „Sehnsucht“?

Musikalisch verzichtet Annett Louisan auf den Versuch, ihre Musik künstlich zu modernisieren. Stattdessen bleibt das Chanson der Ausgangspunkt. Das Piano spielt eine auffallend wichtige Rolle, daneben tauchen Akkordeon, jazzige Arrangements und Blues-Einflüsse auf. Bei „Königin der Nacht“ öffnet sich die Klangwelt dagegen in eine atmosphärischere, an Kate Bush erinnernde Richtung.

Damit wirkt die Platte abwechslungsreich, ohne ihre Identität zu verlieren.

Das wichtigste Instrument bleibt ohnehin Louisans Stimme. Gerade weil sie häufig zurückgenommen singt, müssen die Texte nicht gegen eine überdimensionierte Produktion ankämpfen. Die Arrangements geben den Geschichten Platz.

Und Geschichten sind hier entscheidend.

„Sehnsucht“ ist eigentlich ein Album über das Ankommen

Der Titel könnte vermuten lassen, dass Annett Louisan auf dieser Platte ständig etwas fehlt. Nach elf Songs ergibt sich jedoch beinahe der gegenteilige Eindruck.

Natürlich gibt es Sehnsucht. Aber sie hat ihre Form verändert.

Es geht nicht mehr ausschließlich darum, irgendwo anders zu sein, jemand anderes zu werden oder ein vollkommen anderes Leben zu führen. Louisan beschreibt Sehnsucht inzwischen eher als Motor für Entwicklung. Sie selbst sagt, dass sie sich heute vor allem nach Ruhe und Frieden sehne und Zufriedenheit nicht länger mit Stillstand verwechsle.

Das dürfte der wichtigste Unterschied zwischen „Sehnsucht“ und einem klassischen melancholischen Chansonalbum sein.

Diese Platte blickt zwar zurück. Sie möchte aber nicht zurück.

Fazit: Annett Louisan – Sehnsucht ist ein erwachsenes Album, ohne alt zu wirken

„Sehnsucht“ von Annett Louisan ist eine bemerkenswert kompakte Platte. Elf Songs und etwas mehr als eine halbe Stunde reichen aus, um Beziehungen, Älterwerden, weibliche Unabhängigkeit, politische Enttäuschung, Familiengeschichte, Wechseljahre und Sterblichkeit zu behandeln.

Das könnte schnell überladen wirken. Tut es aber nicht.

Der Grund liegt in Louisans bewährter Fähigkeit, große Themen auf kleine Situationen herunterzubrechen. Ein gebrauchtes Herz ersetzt die große Abhandlung über Beziehungen. Die Frage nach dem richtigen Outfit wird zum Bild einer Gesellschaft vor der Apokalypse. Altersvorsorge landet mitten in einem Beziehungslied und die Perimenopause bekommt einen Blues.

Gerade darin liegt die Stärke der Platte.

Besonders überzeugend finde ich „Herz mit Gebrauchsspuren“, das bitterkomische „Weltuntergang“, das politisch deutlichere „Lied von der Freiheit“, den ungewöhnlichen Blues „Bis nach Hause“ sowie die beiden abschließenden Stücke „Königin der Nacht“ und „Ich geh nur schonmal voraus“.

Nicht jeder Song möchte dabei ein großer Popmoment sein. Einige Stücke funktionieren bewusst eher als musikalische Miniaturen. Doch genau das passt zu Louisans Chansonverständnis. Der Text und die Figur stehen im Vordergrund, nicht der maximal große Refrain.

Vor allem aber begeht Annett Louisan nicht den Fehler, ihre Jugend zu konservieren. „Sehnsucht“ handelt von einer Frau kurz vor 50, die ihre Gegenwart nicht als schlechtere Version früherer Jahre versteht. Erfahrungen, Abschiede und körperliche Veränderungen gehören ebenso dazu wie neue Freiheit und Gelassenheit.

Das Ergebnis ist weniger ein Album über unerfüllte Sehnsucht als eines über die Erkenntnis, dass sich das, wonach wir uns sehnen, im Laufe eines Lebens verändern darf.

Link zur Künstlerseite: https://www.annettlouisan.de/

FAQ zu Annett Louisan – Sehnsucht

Wann erscheint „Sehnsucht“ von Annett Louisan?

„Sehnsucht“ erscheint am 11. September 2026 über Annett Louisans eigenes Label Atelier Louisan.

Wie viele Songs hat das Album „Sehnsucht“?

Das Album umfasst elf Songs mit einer Gesamtlaufzeit von rund 34 Minuten.

Welche Songs sind auf „Sehnsucht“ enthalten?

Die Tracklist besteht aus „Herz mit Gebrauchsspuren“, „An deiner Seite“, „Weltuntergang“, „Keine Altersvorsorge“, „Lied von der Freiheit“, „Generationen & Dämonen“, „Fleischgewordenes Chanson“, „Ich kann dich nicht mehr sehen“, „Bis nach Hause“, „Königin der Nacht“ und „Ich geh nur schonmal voraus“.

Worum geht es auf „Sehnsucht“?

Das Album beschäftigt sich mit unterschiedlichen Formen von Sehnsucht und der Frage, was nach ihrer Erfüllung oder Enttäuschung bleibt. Dazu kommen Themen wie Liebe, Trennung, Selbstständigkeit, Älterwerden, Frauengesundheit, gesellschaftlicher Wandel, Familie und Tod.

Welche Musikrichtung ist Annett Louisans „Sehnsucht“?

Das Fundament bildet deutschsprachiger Chanson-Pop. Hinzu kommen Jazz- und Blues-Einflüsse sowie stärker atmosphärische Elemente. Besonders Louisans zurückgenommener Gesang und die textorientierten Arrangements prägen das Album.

Worum geht es in „Weltuntergang“?

„Weltuntergang“ ist eine satirische Betrachtung unserer Krisengegenwart. Der Song stellt alltägliche Luxus- und Lifestylefragen neben das Szenario einer bevorstehenden Apokalypse und kritisiert damit die absurde Gleichzeitigkeit von Konsum, Social Media und globalen Krisen.

Was bedeutet „Lied von der Freiheit“?

Das Stück erzählt von einem Paar, das nach dem Mauerfall voller Hoffnung in eine neue Freiheit aufbricht. Spätere Enttäuschungen führen jedoch zu einer idealisierten Sicht auf die Vergangenheit und zur Sehnsucht nach neuer Autorität. Damit behandelt Louisan auch die politische Gefahr rückwärtsgewandter Nostalgie.

Was ist der emotionalste Song auf „Sehnsucht“?

Der Abschluss „Ich geh nur schonmal voraus“ gehört zu den emotionalsten Momenten der Platte. Louisan beschäftigt sich darin mit der eigenen Vergänglichkeit und mit den Menschen, die nach dem eigenen Tod zurückbleiben.

Auch interessant:

Annett Louisan – Sehnsucht: Rezension

Mit „Sehnsucht“ veröffentlicht Annett Louisan am 11. September 2026 ein Album, dessen Titel zunächst nach [...]

WEITERLESEN
Farin Urlaub – Ein Lächeln im Gesicht, Rezension

Farin Urlaub – Ein Lächeln im Gesicht: Rezension zwischen Punk, Pop, Weltschmerz und sehr viel [...]

WEITERLESEN
Prince – Timeless: Rezension des posthumen Albums

Prince Timeless Rezension: Prince Rogers Nelson gehörte zu den vielseitigsten Musikern der Popgeschichte. Der 1958 [...]

WEITERLESEN
Michael Jackson – Thriller: Rezension eines Pop-Meilensteins

Michael Jackson Thriller Rezension: Nur wenige Musikalben haben die Popkultur so nachhaltig geprägt wie Michael [...]

WEITERLESEN
Die 10 besten Alben der 90er Jahre: Diese Meisterwerke veränderten die Musik

Die 1990er-Jahre gehören zu den abwechslungsreichsten Jahrzehnten der jüngeren Musikgeschichte. Grunge löste den Hochglanz-Hard-Rock der [...]

WEITERLESEN
Travis Scott – Astroworld: Rezension des psychedelischen Hip-Hop-Spektakels

Mit Astroworld entwirft Travis Scott keinen gewöhnlichen Vergnügungspark. Statt Achterbahnen, Karussells und Geisterbahnen erwarten uns [...]

WEITERLESEN
Electric Callboy – TANZNEID im Review

Electric Callboy – TANZNEID im Review: Zwischen Metalcore, Rave und maximaler Eskalation Electric Callboy sind [...]

WEITERLESEN
Radiohead – OK Computer Rezension: Mensch und Maschine

Radiohead OK Computer Rezension: Mit OK Computer veröffentlichten Radiohead 1997 ein Album, das wie eine [...]

WEITERLESEN
Madeline Juno – Anomalie Pt. 2 in der Rezension

Madeline Juno Anomalie Pt. 2 – Zwischen Intimität und Befreiung: Das große Doppelalbum-Finale von Madeline [...]

WEITERLESEN
Prince & The Revolution – Purple Rain: Rezension eines musikalischen Meisterwerks

Mit dieser Prince Purple Rain Rezension widmen wir uns einem Album, das weit über die [...]

WEITERLESEN
Nirvana – Nevermind: Rezension eines Albums, das die Rockmusik veränderte

Nirvana Nevermind Rezension: Als Nirvana am 24. September 1991 ihr zweites Studioalbum „Nevermind“ veröffentlichten, konnte [...]

WEITERLESEN
Cypress Hill – Dios Bendiga: Rezension des spanischsprachigen Hip-Hop-Albums

Cypress Hill Dios Bendiga Rezension: Mit „Dios Bendiga“ schlagen Cypress Hill ein neues Kapitel ihrer [...]

WEITERLESEN
Tricky – Different When It’s Silent Rezension

Tricky – Different When It’s Silent: Dunkle Schönheit zwischen Trip-Hop, Rock und Trauer Die Tricky [...]

WEITERLESEN
The Dark Side of the Moon Rezension: Pink Floyds Meisterwerk

Nur wenige Musikalben haben den Begriff „Klassiker“ so nachhaltig geprägt wie The Dark Side of [...]

WEITERLESEN
Brian Eno – Ambient 1: Music for Airports Rezension

Mit Ambient 1: Music for Airports veröffentlichte Brian Eno ein Album, das die Wahrnehmung von [...]

WEITERLESEN
Chiptune Echoes – Game Over! Rezension: Zwischen Nostalgie und Melancholie

Mit „Game Over!“ legt Chiptune Echoes ein kompaktes Album vor, das die Klangsprache klassischer Videospiele [...]

WEITERLESEN
Madonna – Confessions II, Album Rezension

Madonna – Confessions II: Rückkehr auf den Dancefloor mit offenem Visier Madonna Confessions II Rezension: [...]

WEITERLESEN
The Rolling Stones – Foreign Tongues: Rezension

The Rolling Stones – Foreign Tongues: Rezension des neuen Albums Mit „Foreign Tongues“ setzen The [...]

WEITERLESEN
Portishead – Dummy Rezension: Trip-Hop-Klassiker im Albumcheck

Portishead – Dummy gehört zu den Alben, die nicht einfach nur ein Genre geprägt haben, [...]

WEITERLESEN

Unsere neuesten Beiträge:

Was bedeutet RIAA beim Plattenspieler?

Wer einen Plattenspieler an einen Verstärker anschließt, stößt früher oder später auf die Begriffe RIAA, RIAA-Kennlinie oder [...]

> WEITERLESEN
Raumakustik verbessern: So klingt deine HiFi-Anlage mit einfachen Mitteln besser

Eine gute HiFi-Anlage kann nur so gut klingen wie der Raum, in dem sie spielt. Harte Wände, [...]

> WEITERLESEN
Mono und Stereo im HiFi: Was ist der Unterschied?

Wer Musik über eine HiFi-Anlage hört, begegnet fast automatisch den Begriffen Mono und Stereo. Während moderne Musikproduktionen [...]

> WEITERLESEN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert