Radiohead OK Computer Rezension: Mit OK Computer veröffentlichten Radiohead 1997 ein Album, das wie eine düstere Vorahnung des digitalen Zeitalters wirkt. Entfremdung, Leistungsdruck, technologische Abhängigkeit, Verkehrschaos und gesellschaftliche Kälte ziehen sich durch die zwölf Songs. Gleichzeitig erschufen Radiohead eine faszinierende Klangwelt aus Alternative Rock, Art Rock, elektronischen Texturen und ungewöhnlichen Arrangements.
In dieser OK Computer Rezension widmen wir uns jedem Titel des Albums einzeln. Dabei zeigt sich, warum das Werk auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung nicht wie ein Relikt der Neunzigerjahre klingt, sondern erstaunlich zeitgemäß geblieben ist.
Radiohead: Vom Alternative-Rock-Erfolg zur künstlerischen Freiheit
Radiohead wurden 1985 im englischen Abingdon gegründet. Die Band besteht aus Sänger und Gitarrist Thom Yorke, Gitarrist und Multiinstrumentalist Jonny Greenwood, Gitarrist Ed O’Brien, Bassist Colin Greenwood sowie Schlagzeuger Phil Selway.
Mit dem Debütalbum Pablo Honey und insbesondere der Single „Creep“ gelang Radiohead Anfang der Neunzigerjahre der internationale Durchbruch. Das zweite Album The Bends zeigte anschließend bereits eine deutlich größere musikalische Tiefe. Songs wie „Fake Plastic Trees“, „High and Dry“ oder „Street Spirit (Fade Out)“ verbanden emotionalen Alternative Rock mit atmosphärischen Gitarrenflächen.
Auf OK Computer löste sich die Band jedoch zunehmend von klassischen Rockkonventionen. Anstatt lediglich ein größeres und aufwendigeres The Bends aufzunehmen, entwickelten Radiohead eine eigene musikalische Sprache. Gitarren blieben wichtig, wurden aber nun verfremdet, geschichtet oder wie elektronische Instrumente behandelt.
OK Computer: Entstehung, Produktion und Bedeutung
OK Computer ist das dritte Studioalbum von Radiohead und erschien 1997. Die Originalfassung umfasst zwölf Titel mit einer Gesamtspielzeit von ungefähr 53 Minuten. Die offizielle Trackliste reicht von „Airbag“ über „Paranoid Android“ und „Karma Police“ bis zum abschließenden „The Tourist“.
Ein großer Teil des Albums entstand in St Catherine’s Court, einem historischen Herrenhaus in der Nähe von Bath. Radiohead produzierten das Werk gemeinsam mit Nigel Godrich, der anschließend zu einem der wichtigsten langfristigen Partner der Band wurde.
Der Klang ist trotz seiner zahlreichen Details erstaunlich geschlossen. Natürliche Schlagzeugaufnahmen stehen neben bearbeiteten Loops, akustische Gitarren treffen auf massive Verzerrung und Thom Yorkes verletzlicher Gesang wird immer wieder von bedrohlichen Geräuschen oder schwebenden Chören umgeben.
Inhaltlich geht es weniger um Computer im eigentlichen Sinn. Vielmehr beschreibt das Album eine Welt, in der Menschen zunehmend wie Maschinen funktionieren sollen. Arbeitsabläufe, Konsum, Verkehr, politische Kommunikation und gesellschaftliche Erwartungen bilden ein unsichtbares System, aus dem die Figuren der Songs kaum entkommen können.
1998 erhielt OK Computer den Grammy als bestes Alternative-Album. 2026 wurde es außerdem in die Grammy Hall of Fame aufgenommen.
Radiohead – OK Computer im Track-für-Track-Review
1. Airbag
„Airbag“ eröffnet das Album mit einem Gitarrenmotiv, das gleichzeitig rockig und künstlich wirkt. Die einzelnen Töne scheinen im Raum zu schweben, während Colin Greenwoods Bass zunächst nur punktuell in Erscheinung tritt. Phil Selways Schlagzeug klingt wiederum wie eine Kombination aus menschlichem Spiel und programmiertem Beat.
Tatsächlich wurde der Rhythmus von der Arbeitsweise des Produzenten und Sampling-Künstlers DJ Shadow beeinflusst. Der Schlagzeugloop wurde bearbeitet und unter anderem durch Gitarreneffekte von Jonny Greenwood geschickt.
Thematisch verarbeitet der Song das Bild eines überlebten Autounfalls. Der Airbag wird dabei zum Symbol einer technischen Wiedergeburt: Eine Maschine rettet den Menschen vor einer anderen Maschine. Dadurch verbindet bereits der erste Song existentielle Angst mit einem beinahe euphorischen Gefühl des Neuanfangs.
Musikalisch ist „Airbag“ ein perfekter Einstieg. Der Titel besitzt die Energie eines Rocksongs, verweigert sich jedoch dessen üblichen Regeln. Das Schlagzeug bleibt fragmentiert, die Gitarren klingen fremdartig und der Bass setzt gezielt Akzente, anstatt das Arrangement durchgehend zu stützen.
2. Paranoid Android
„Paranoid Android“ gehört zu den ambitioniertesten Songs des Albums. Die mehrteilige Komposition wechselt zwischen akustischer Zurückhaltung, aggressiven Gitarrenausbrüchen, chorähnlichen Passagen und einem chaotischen Finale.
Zu Beginn begleitet eine fast beiläufig gespielte Akustikgitarre Thom Yorkes distanzierten Gesang. Doch schon bald bricht der Song aus seiner vermeintlich ruhigen Form aus. Verzerrte Gitarren, wechselnde Rhythmen, Spracheinlagen und abrupte Übergänge erzeugen den Eindruck einer zunehmend außer Kontrolle geratenen Situation.
Inhaltlich richtet sich der Blick auf Oberflächlichkeit, Arroganz, soziale Isolation und unterdrückte Aggression. Verschiedene Beobachtungen und Perspektiven werden wie Bruchstücke zusammengesetzt. Dadurch entsteht keine lineare Geschichte, sondern ein emotionales Panorama gesellschaftlicher Überforderung.
Besonders eindrucksvoll ist der langsame Mittelteil. Mehrstimmiger Gesang und sakral wirkende Harmonien verleihen dem Stück für einen Moment eine beinahe spirituelle Größe. Allerdings folgt keine Erlösung. Stattdessen kehrt die Musik in ein hektisches und verzerrtes Finale zurück.
„Paranoid Android“ ist nicht unbedingt der zugänglichste Song auf OK Computer. Dennoch bündelt er nahezu alle Stärken des Albums: Dynamik, Experimentierfreude, Melodik, Aggression und emotionale Ambivalenz.
3. Subterranean Homesick Alien
Nach der dramatischen Wucht von „Paranoid Android“ wirkt „Subterranean Homesick Alien“ zunächst leichter und luftiger. Schwebende Gitarren, ein zurückhaltendes Schlagzeug und warme Basslinien erzeugen eine beinahe schwerelose Atmosphäre.
Der Erzähler fantasiert davon, von Außerirdischen mitgenommen zu werden. Dabei steht jedoch nicht die Science-Fiction-Handlung im Mittelpunkt. Vielmehr erscheint die außerirdische Perspektive als Möglichkeit, das eigene Leben und die menschliche Gesellschaft von außen zu betrachten.
Die vermeintliche Entführung wird dadurch zu einer Fluchtfantasie. Der Alltag erscheint so festgefahren, dass selbst eine Reise ins Unbekannte attraktiver wirkt als die Rückkehr zur gewohnten Normalität.
Musikalisch fällt besonders Jonny Greenwoods Gitarrenarbeit auf. Die Akkorde werden nicht einfach angeschlagen, sondern gleiten und flimmern durch das Stereobild. Auf einer guten Stereoanlage lässt sich hervorragend nachvollziehen, wie viele kleine Klangbewegungen innerhalb des Arrangements stattfinden.
4. Exit Music (For a Film)
„Exit Music (For a Film)“ beginnt äußerst reduziert. Thom Yorkes Stimme und eine leise akustische Gitarre stehen nahezu allein im Raum. Gerade deshalb besitzt der Song von der ersten Sekunde an eine enorme Spannung.
Das Stück wurde für Baz Luhrmanns Film Romeo + Juliet geschrieben und ist im Abspann des Films zu hören. Auf dem regulären Soundtrackalbum war es auf Wunsch der Band nicht enthalten.
Inhaltlich greift der Song das Motiv zweier Liebender auf, die ihrer zerstörerischen Umgebung entkommen wollen. Allerdings klingt die geplante Flucht nicht romantisch oder hoffnungsvoll. Von Anfang an liegt eine düstere Vorahnung über der Musik.
Nach und nach kommen weitere Elemente hinzu. Chöre, Bass und verzerrte Klänge verdichten das Arrangement, bis der Titel in einem mächtigen Finale explodiert. Colin Greenwoods stark verzerrter Bass übernimmt dabei beinahe die Funktion einer Rhythmusgitarre.
„Exit Music“ demonstriert eindrucksvoll, wie Radiohead Dynamik einsetzen. Der Song wird nicht einfach lauter, sondern emotional immer enger und bedrückender. Aus einem geflüsterten Fluchtplan wird schließlich eine Mischung aus Anklage, Wut und Verzweiflung.
5. Let Down
„Let Down“ gehört zu den emotionalsten Stücken des Albums. Gleichzeitig ist der Song auf den ersten Blick weniger spektakulär als „Paranoid Android“ oder „Karma Police“. Seine Wirkung entfaltet sich vielmehr durch die vielen übereinanderliegenden rhythmischen und melodischen Ebenen.
Die Gitarren spielen scheinbar unabhängige Figuren, die sich dennoch zu einem harmonischen Gesamtbild verbinden. Phil Selways Schlagzeug hält die verschiedenen Bewegungen zusammen, während Thom Yorkes Gesang zwischen Resignation und Hoffnung schwankt.
Der Text beschreibt Menschen in Verkehrsmitteln, an Haltestellen und in anonymen Durchgangsorten. Sie bewegen sich permanent, kommen innerlich jedoch kaum voran. Der Alltag verwandelt sich in einen automatisierten Prozess, in dem persönliche Erfahrungen nur noch als kurze Störungen erscheinen.
Im letzten Drittel öffnet sich das Arrangement. Mehrere Gesangsspuren überlagern sich, während die Gitarren immer heller und intensiver werden. Für einen Moment scheint der Song seine Schwere abzuschütteln.
Gerade dieser Kontrast macht „Let Down“ so berührend. Die Musik deutet Erlösung an, ohne sie vollständig zu gewähren. Dadurch wird der Titel zu einem der stillen Höhepunkte von OK Computer.
6. Karma Police
„Karma Police“ ist einer der bekanntesten Songs von Radiohead. Das prägnante Klaviermotiv, die akustische Gitarre und der ruhige Rhythmus machen das Stück vergleichsweise zugänglich. Unter seiner melodischen Oberfläche bleibt es jedoch ausgesprochen unheimlich.
Die titelgebende Karma-Polizei wirkt wie eine imaginäre Instanz, die unangenehme oder störende Menschen bestraft. Zunächst klingt das beinahe humorvoll. Doch schon bald entsteht der Eindruck eines Systems, in dem jeder jeden beobachtet und Abweichungen sanktioniert werden.
Thom Yorkes Gesang bleibt lange kontrolliert. Erst im letzten Teil verändert sich die Stimmung. Das Klaviermotiv löst sich auf, die Produktion beginnt zu rauschen und zu zerfallen. Gleichzeitig wirkt die Stimme zunehmend entrückt.
Dadurch endet „Karma Police“ nicht mit einem klassischen Refrain, sondern mit einer Art klanglichem Kontrollverlust. Der Song scheint sich selbst aufzulösen – passend zu einem Album, das immer wieder von instabilen Systemen und brüchigen Identitäten erzählt.
7. Fitter Happier
„Fitter Happier“ ist weniger ein klassischer Song als eine düstere Klangcollage. Eine synthetische Computerstimme trägt eine Reihe von Anweisungen und Selbstoptimierungsformeln vor. Im Hintergrund sind Klavier, Geräusche und fragmentarische Klangflächen zu hören.
Die Aussagen klingen zunächst vernünftig: gesünder leben, produktiver arbeiten, soziale Kontakte pflegen und verantwortungsvoll handeln. Doch durch die emotionslose Stimme verwandeln sich diese scheinbar positiven Ziele in ein bedrückendes Programm.
Der Mensch wird auf eine Liste optimierbarer Eigenschaften reduziert. Glück erscheint nicht mehr als persönliches Empfinden, sondern als messbares Ergebnis korrekten Verhaltens. Genau darin liegt die beklemmende Wirkung des Stücks.
Innerhalb des Albums erfüllt „Fitter Happier“ eine wichtige Funktion. Es trennt die beiden Hälften von OK Computer und formuliert dessen gesellschaftliche Kritik in konzentrierter Form. Gleichzeitig klingt das Stück aus heutiger Sicht beinahe prophetisch – schließlich bestimmen Selbsttracking, Effizienzdenken und digitale Leistungsbewertung inzwischen große Teile des Alltags.
8. Electioneering
Nach der kontrollierten Kälte von „Fitter Happier“ bricht „Electioneering“ mit roher Gitarrenenergie herein. Das Schlagzeug treibt unnachgiebig nach vorne, während verzerrte Gitarren und geräuschhafte Percussion ein beinahe chaotisches Klangbild erzeugen.
Inhaltlich beschäftigt sich der Song mit politischer Inszenierung. Versprechen werden wie Waren angeboten, während Überzeugungen hinter Kampagnenstrategien, Marktmechanismen und öffentlicher Wirkung verschwinden.
Musikalisch ist „Electioneering“ der direkteste Rocksong des Albums. Gerade deshalb wird er gelegentlich als weniger subtil wahrgenommen. Innerhalb der Dramaturgie ergibt seine aggressive Körperlichkeit jedoch Sinn. Nach der entmenschlichten Stimme von „Fitter Happier“ kehrt der Mensch zurück – allerdings als lärmender, manipulierender Wahlkämpfer.
Die Produktion bleibt bewusst rau. Wo andere Songs des Albums fein geschichtete Räume aufbauen, wirkt „Electioneering“ wie eine Band, die in einem überfüllten Raum gegen den allgemeinen Lärm anspielen muss.
9. Climbing Up the Walls
„Climbing Up the Walls“ ist der vielleicht bedrohlichste Song auf OK Computer. Ein langsamer, schwerer Rhythmus bildet die Grundlage, während elektronische Geräusche, Gitarren und Streicher zunehmend dichter werden.
Der Text lässt sich als Darstellung von Angst, psychischer Belastung oder einer unsichtbaren Bedrohung verstehen. Das Beunruhigende besteht darin, dass diese Gefahr nicht von außen kommen muss. Sie kann ebenso gut im eigenen Kopf, in Erinnerungen oder in unterdrückten Gedanken lauern.
Thom Yorkes Gesang klingt zunächst auffallend nah und kontrolliert. Im Verlauf des Songs verliert er jedoch immer stärker seine menschliche Vertrautheit. Das Arrangement drängt ihn regelrecht in die Enge.
Im Finale erreichen die Streicher und verzerrten Klänge einen nahezu filmischen Höhepunkt. Yorkes Schrei wirkt nicht wie ein traditioneller Rockausbruch, sondern wie der Moment, in dem die psychische Kontrolle endgültig zusammenbricht.
Auf einer detailreichen Hifi-Anlage zeigt der Song seine besondere Stärke. Zahlreiche Geräusche liegen tief im Hintergrund und werden erst bei konzentriertem Hören vollständig wahrnehmbar. Dadurch scheint sich das Stück bei jedem Durchlauf leicht zu verändern.
10. No Surprises
„No Surprises“ besitzt eine der schönsten Melodien des Albums. Das glockenspielartige Motiv, die sanft angeschlagenen Gitarren und das ruhige Schlagzeug erinnern beinahe an ein Schlaflied.
Gerade diese musikalische Freundlichkeit macht den Inhalt besonders wirkungsvoll. Der Song beschreibt Erschöpfung, Überforderung und den Wunsch nach einem Leben ohne ständige Alarme, Konflikte und unangenehme Überraschungen.
Dabei klingt der Rückzug nicht nach echter Zufriedenheit. Vielmehr geht es um das Bedürfnis, dem Druck des modernen Lebens vollständig zu entkommen. Die ruhige Oberfläche wird dadurch zu einer Form emotionaler Betäubung.
Thom Yorke singt ungewöhnlich zurückgenommen. Er dramatisiert die Situation nicht, sondern präsentiert sie mit fast erschreckender Gelassenheit. Deshalb wirkt „No Surprises“ nicht wie ein lauter Hilferuf, sondern wie die nüchterne Erkenntnis, keine Energie mehr für Widerstand zu besitzen.
Der Song ist zugleich eingängig und tief verstörend. Genau diese Verbindung macht ihn zu einem der größten Radiohead-Stücke.
11. Lucky
„Lucky“ beginnt mit einem schwebenden Gitarrengeräusch, das wie ein entferntes Signal wirkt. Anschließend entwickelt sich ein langsamer, majestätischer Song, dessen Atmosphäre zwischen Hoffnung und Katastrophe schwankt.
Wie bereits in „Airbag“ spielt das Überleben eines Unglücks eine zentrale Rolle. Allerdings wirkt die gerettete Figur hier nicht erleichtert, sondern beinahe größenwahnsinnig. Aus dem Gefühl, dem Tod entkommen zu sein, entsteht die Vorstellung besonderer Bedeutung.
Musikalisch gehört „Lucky“ zu den klassischeren Rockmomenten des Albums. Die Gitarren entfalten eine breite, fast hymnische Wirkung. Dennoch verhindern die unruhigen Klangflächen und Yorkes fragile Stimme, dass der Song zu einer gewöhnlichen Rockballade wird.
Der Refrain hebt das Stück deutlich an, während das Arrangement gleichzeitig eine dunkle Spannung bewahrt. Hoffnung und Bedrohung existieren nebeneinander. Der Protagonist ist zwar gerettet, doch die Welt um ihn herum bleibt instabil.
12. The Tourist
„The Tourist“ bildet den ruhigen Abschluss des Albums. Das Tempo ist langsam, die Instrumente lassen viel Raum und die Gitarrenlinien wirken beinahe schwerelos.
Nach all den Bildern von Verkehr, Beschleunigung, Leistung und technischer Kontrolle formuliert der Song eine einfache Gegenbewegung: langsamer werden. Diese Botschaft klingt zunächst unspektakulär, erhält im Zusammenhang des Albums jedoch eine enorme Bedeutung.
Der Tourist steht sinnbildlich für einen Menschen, der durch die Welt eilt, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Er will möglichst viel sehen und erleben, verliert aber gerade dadurch den Kontakt zu seiner Umgebung.
Musikalisch verzichten Radiohead auf ein großes Finale. Stattdessen klingt OK Computer mit einem einzelnen hellen Signal aus. Dieses letzte Geräusch erinnert an eine Hotelklingel, einen Warnhinweis oder einen technischen Abschlussimpuls.
Damit endet das Album nicht mit einer Lösung. Es bleibt lediglich die Aufforderung, aus dem automatisierten Rhythmus auszubrechen und wieder bewusster wahrzunehmen.
Der Klang von OK Computer: Ein Album für konzentriertes Hören
OK Computer ist hervorragend produziert, wirkt jedoch nicht im klassischen Sinn audiophil oder klinisch sauber. Die Produktion setzt auf Kontraste: trockene Schlagzeugklänge treffen auf große Räume, leise akustische Instrumente auf massive Verzerrung und warme Stimmen auf kalte elektronische Geräusche.
Besonders auffällig ist die räumliche Staffelung. Gitarren befinden sich häufig nicht klar links oder rechts, sondern bewegen sich scheinbar zwischen mehreren Ebenen. Kleine Geräusche tauchen am Rand des Stereobildes auf, während Bass und Schlagzeug das Zentrum nicht permanent dominieren.
Auch die Dynamik spielt eine wichtige Rolle. „Exit Music (For a Film)“, „Climbing Up the Walls“ und „Lucky“ entwickeln sich von leisen Anfängen zu mächtigen Höhepunkten. Deshalb lohnt es sich, das Album nicht nur nebenbei, sondern mit ausreichend Lautstärkereserve und ohne aktivierte Klangnormalisierung zu hören.
Trotz seiner vielen Produktionsdetails bleibt OK Computer ein Bandalbum. Die Instrumente wirken nicht perfekt geglättet. Kleine Unregelmäßigkeiten und raue Übergänge geben der Musik eine menschliche Qualität – und bilden damit einen bewussten Gegenpol zu den technologischen und gesellschaftlichen Themen.
Radiohead OK Computer Rezension – Warum ist OK Computer bis heute relevant?
Viele Motive des Albums haben seit 1997 noch an Bedeutung gewonnen. Menschen werden durch Algorithmen bewertet, Arbeitsprozesse werden automatisiert und persönliche Leistungen permanent gemessen. Gleichzeitig sollen digitale Systeme Kommunikation erleichtern, führen aber nicht automatisch zu mehr Nähe.
OK Computer beschreibt diese Entwicklungen nicht konkret. Es erwähnt weder soziale Netzwerke noch Smartphones oder moderne künstliche Intelligenz. Stattdessen konzentriert sich das Album auf die Gefühle, die mit einer zunehmend technisierten Gesellschaft verbunden sind: Kontrollverlust, Reizüberflutung, Entfremdung und das Bedürfnis nach Flucht.
Gerade deshalb ist das Werk nicht veraltet. Radiohead versuchten nicht, technische Entwicklungen vorherzusagen. Sie erkannten vielmehr früh, wie sich eine Welt anfühlen könnte, in der Effizienz und Vernetzung wichtiger werden als menschliche Bedürfnisse.
Der Einfluss des Albums reichte weit über den Alternative Rock hinaus. Seine komplexen Arrangements und sein Konzeptcharakter stärkten Ende der Neunzigerjahre die Idee, dass ein Rockalbum trotz einzelner Singles als zusammenhängendes Gesamtwerk funktionieren kann.
Fazit zur Radiohead – OK Computer Rezension
OK Computer ist kein Album, das seine Wirkung ausschließlich aus einzelnen Hits bezieht. Zwar gehören „Paranoid Android“, „Karma Police“ und „No Surprises“ zu den bekanntesten Songs von Radiohead. Seine eigentliche Stärke entwickelt das Werk jedoch im vollständigen Zusammenhang.
Die zwölf Titel bilden eine Reise durch eine Welt voller Verkehrsströme, politischer Inszenierungen, technologischer Systeme und gesellschaftlicher Erwartungen. Dazwischen stehen Menschen, die versuchen, ihre Individualität, ihre Beziehungen und ihre psychische Stabilität zu bewahren.
Musikalisch verbindet das Album zugängliche Melodien mit ungewöhnlichen Strukturen und experimenteller Produktion. Radiohead klingen dabei weder vollständig nach klassischem Alternative Rock noch nach elektronischer Avantgarde. Stattdessen erschaffen sie einen eigenen Raum zwischen beiden Bereichen.
Auch nach zahlreichen Durchläufen bleiben neue Details hörbar. Manche Songs wirken unmittelbar, während andere erst mit der Zeit ihre emotionale Tiefe offenbaren. Gerade diese Vielschichtigkeit macht OK Computer zu einem der wichtigsten Rockalben der Neunzigerjahre.
Bewertung: 10 von 10 Punkten
Link zur offiziellen Künstlerseite: RADIOHEAD.COM | RADIOHEAD.COM
FAQ zu Radiohead und OK Computer
Wann erschien OK Computer von Radiohead?
OK Computer erschien 1997. Es handelt sich um das dritte Studioalbum der Band und den Nachfolger von The Bends. Die Originalausgabe enthält zwölf Songs.
Wer produzierte OK Computer?
Radiohead produzierten das Album gemeinsam mit Nigel Godrich. Die Zusammenarbeit prägte den Klang der Band nachhaltig, und Godrich war anschließend auch an zahlreichen weiteren Radiohead-Alben beteiligt.
Ist OK Computer ein Konzeptalbum?
Radiohead erzählten auf OK Computer keine durchgehende Geschichte mit festen Figuren. Dennoch besitzt das Album einen starken konzeptionellen Zusammenhang. Wiederkehrende Themen wie Entfremdung, Technologie, Verkehr, Leistungsdruck und gesellschaftliche Kontrolle verbinden die einzelnen Songs.
Welche Songs sind auf OK Computer enthalten?
Die Originalfassung enthält „Airbag“, „Paranoid Android“, „Subterranean Homesick Alien“, „Exit Music (For a Film)“, „Let Down“, „Karma Police“, „Fitter Happier“, „Electioneering“, „Climbing Up the Walls“, „No Surprises“, „Lucky“ und „The Tourist“.
Welcher Song ist der beste auf OK Computer?
Das hängt von den persönlichen Vorlieben ab. „Paranoid Android“ zeigt die musikalische Vielseitigkeit des Albums besonders deutlich, während „Let Down“ emotional zu den stärksten Titeln gehört. „No Surprises“ verbindet wiederum eine eingängige Melodie mit einem ausgesprochen düsteren Inhalt.
Warum gilt OK Computer als Meisterwerk?
Das Album verbindet starke Songs, ungewöhnliche Arrangements, innovative Produktion und gesellschaftlich relevante Themen. Gleichzeitig funktioniert es sowohl als Sammlung einzelner Titel als auch als geschlossenes Gesamterlebnis.
Sollte man OK Computer am Stück hören?
Ja. Die Reihenfolge der Songs ist ein wesentlicher Bestandteil der Wirkung. Besonders die Übergänge von „Karma Police“ zu „Fitter Happier“ und anschließend zu „Electioneering“ sowie das abschließende Zusammenspiel von „Lucky“ und „The Tourist“ entfalten sich am besten beim vollständigen Hören des Albums.


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