Matthias Reim – Flashback: Rezension zwischen Vergangenheit, großen Gefühlen und neuem Aufbruch
Der Titel könnte kaum passender gewählt sein: Auf „Flashback“ schaut Matthias Reim auf mehr als drei Jahrzehnte seiner Karriere zurück und macht aus der eigenen musikalischen Vergangenheit neues Material. Das am 18. September 2026 veröffentlichte Album umfasst 15 Tracks mit einer Spielzeit von gut 50 Minuten. Dabei ist „Flashback“ ausdrücklich keine Best-of-Sammlung. Reim greift vielmehr Motive, musikalische Ideen und sogar einzelne sprachliche Anspielungen aus früheren Songs auf und verarbeitet sie in neuen Aufnahmen.
Genau darin liegt der Reiz dieser Platte. Denn wer Matthias Reim sagt, denkt zwangsläufig irgendwann an „Verdammt, ich lieb‘ dich“. Der Song machte ihn 1990 schlagartig bekannt und wurde zu einem der langlebigsten deutschen Pop-Schlager-Hits überhaupt. Danach folgte eine Karriere mit mehreren Millionen verkauften Tonträgern, Gold- und Platinauszeichnungen sowie zahlreichen erfolgreichen Alben.
Doch auf „Flashback“ versucht Reim gar nicht erst, so zu tun, als gäbe es diese Vergangenheit nicht. Im Gegenteil: Er geht geradewegs hinein.
Das Konzept entstand unter anderem durch seinen Sohn Julian, der alte Demoaufnahmen seines Vaters hörte und ihn dazu brachte, sich intensiver mit früherem Material auseinanderzusetzen. Reim selbst erklärt, er habe für die neue Platte bewusst Themen und Formulierungen aus seinen frühen 1990er-Jahren aufgegriffen. Gleichzeitig habe er bei der Produktion weniger darüber nachgedacht, was Algorithmen oder aktuelle Streaming-Konventionen verlangen könnten, sondern stärker über den Sound und das Songwriting, mit dem seine Karriere begann.
Das ist ein interessanter Ansatz. Denn „Flashback“ klingt dadurch weniger nach dem Versuch einer Neuerfindung als nach einer Selbstbefragung: Was funktioniert vom Matthias Reim der frühen Jahre auch 2026 noch?
Cover „Flashback“ von Matthias Reim: © Hansa Local / Sony Music Entertainment Germany GmbH
Kurzinfo auf einen Blick
„Flashback“ von Matthias Reim verbindet neue Songs mit bewussten Rückgriffen auf mehr als 35 Jahre Karriere. Zwischen Rock-Schlager, Balladen und großen Refrains greift Reim alte Themen, Textideen und sogar frühere Songs neu auf. Besonders stark sind die Momente, in denen Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen, etwa bei „Von fernen Sternen“ oder „Aus meinem Kopf“.
Wer ist Matthias Reim?
Matthias Reim gehört seit seinem Durchbruch mit „Verdammt, ich lieb‘ dich“ im Jahr 1990 zu den bekanntesten deutschsprachigen Sängern zwischen Schlager, Pop und Rock. Dabei war sein Stil schon immer etwas schwieriger einzuordnen, als es die Bezeichnung „Schlager“ vermuten lässt. Gitarren, große Refrains und eine gewisse Rock-Attitüde gehören ebenso zu seinem Sound wie eingängige Popmelodien und Geschichten über Liebe, Trennung, Eifersucht und Neuanfänge.
Vor allem aber hat Reim früh seine eigene Figur geschaffen: den emotionalen Mann, der selten souverän über den Dingen steht. Seine Protagonisten lieben zu viel, zweifeln, vermissen jemanden, machen Fehler, wollen gehen und kommen gedanklich trotzdem nicht los.
Genau diese emotionale Unordnung machte bereits „Verdammt, ich lieb‘ dich“ interessant. Und sie spielt auch auf „Flashback“ wieder eine zentrale Rolle.
„Flashback“: Matthias Reim klaut bei sich selbst – ganz bewusst
Selbstreferenzen können gefährlich sein. Greift ein etablierter Musiker zu stark auf frühere Erfolge zurück, entsteht schnell der Eindruck, dass ihm nichts Neues mehr einfällt.
Matthias Reim geht auf „Flashback“ offensiv mit diesem Risiko um. Er versteckt die Rückgriffe nicht, sondern macht sie zum Konzept. In einem aktuellen Interview spricht er ausdrücklich davon, Themen aus den frühen 1990er-Jahren aufzunehmen und mit bekannten Formulierungen seiner früheren Songs zu spielen.
Dadurch wird Nostalgie nicht zum unbeabsichtigten Nebeneffekt, sondern zum Werkzeug.
Das funktioniert besonders dann gut, wenn eine alte Idee nicht bloß wiederholt, sondern aus der Perspektive des heute 68-jährigen Musikers betrachtet wird. Liebe, Verlust oder Sehnsucht hören schließlich nicht auf, Themen zu sein, nur weil man sie bereits mit 30 besungen hat. Interessanter ist die Frage, ob man Jahrzehnte später etwas anderes darin entdeckt.
Genau danach klingt „Flashback“ über weite Strecken.
Matthias Reim – Flashback: Alle 15 Songs in der Track-by-Track-Rezension
1. Virago (Intro)
Nur gut eine Minute benötigt „Virago (Intro)“, um die Tür zu „Flashback“ zu öffnen.
Ein solches Intro ist auf einem Pop-Schlager-Album keineswegs selbstverständlich. Hier ergibt es jedoch dramaturgisch Sinn, denn „Flashback“ möchte ausdrücklich mehr sein als eine lose Ansammlung neuer Singles. Das Album versteht sich als Reise durch Reims eigene musikalische Erinnerung.
Entsprechend funktioniert „Virago“ wie das kurze Hochfahren einer Zeitmaschine. Noch bevor mit „Willkommen in meiner Zukunft“ der erste vollständige Song beginnt, wird signalisiert: Diese Platte besitzt einen Rahmen. Das ist eine kleine, aber wirkungsvolle Entscheidung. Denn dadurch bekommt die anschließend permanent wechselnde Perspektive zwischen früher und heute von Anfang an etwas Konzeptionelles.
2. Willkommen in meiner Zukunft
Schon der zweite Titel macht deutlich, dass „Flashback“ trotz seines Namens keineswegs ausschließlich rückwärtsgewandt ist.
„Willkommen in meiner Zukunft“ wurde für Reims Tochter geschrieben. Der Song verbindet nach Angaben seiner offiziellen Website ein schnelles Tempo und eine positive Grundstimmung mit Gefühlen von Schutz, Hingabe und bedingungsloser Liebe. Das ist als Platzierung unmittelbar nach einem „Flashback“-Intro ausgesprochen clever. Erst öffnet Reim die Tür zur Vergangenheit – und begrüßt anschließend jemanden in seiner Zukunft. Statt romantischer Paarbeziehung steht familiäre Liebe im Mittelpunkt. Dadurch bekommt die Platte früh eine Perspektive, die über die klassischen Reim-Themen hinausgeht.
Vor allem aber besitzt der Song eine sympathische Funktion: Er verhindert, dass das Album bereits zu Beginn wie eine musikalische Jubiläumsfeier klingt. Reim blickt zurück, hat aber offenbar noch genügend Gründe, nach vorne zu schauen.
3. Flashback
Der Titelsong ist das konzeptionelle Zentrum der Platte.
Hier lässt sich besonders gut verstehen, was Matthias Reim mit dem Album vorhat. Vergangenheit wird nicht archiviert, sondern reaktiviert. Erinnerungen, alte Gefühle an vergangene Begegnungen und bekannte sprachliche Motive tauchen wieder auf und werden in eine aktuelle Produktion übertragen.
Reim hat selbst erklärt, dass er beim Schreiben der neuen Songs bewusst mit Formulierungen und Ideen seiner frühen Hits gespielt habe. Das kann man als Selbstzitat verstehen – aber ebenso als musikalische Autobiografie. Nach mehr als 35 Jahren Karriere besitzt Reim schließlich ein eigenes Vokabular, auf das er zurückgreifen kann. „Flashback“ funktioniert deshalb für mich weniger als Nostalgiesong denn als Schlüssel zum gesamten Album: Was passiert, wenn ein Musiker seinem jüngeren Ich noch einmal begegnet?
Die Antwort lautet offenbar: Man übernimmt einiges, schüttelt über anderes vielleicht den Kopf und schreibt anschließend weiter.
4. Ohne dich
Bei „Ohne dich“ wird das Flashback-Prinzip besonders konkret. Der Titel ist keineswegs neu: Matthias Reim veröffentlichte bereits 1993 auf dem Album „Sabotage“ einen Song dieses Namens. Die damalige Aufnahme war gut vier Minuten lang; auf „Flashback“ findet sich nun eine neue, mit 3:32 Minuten kürzere Fassung. Damit begegnet Reim nicht lediglich einer alten Stilidee, sondern unmittelbar einem Stück seiner eigenen Diskografie. Gerade diese Entscheidung finde ich innerhalb des Albums schlüssig. Denn eine Neuaufnahme kann zeigen, wie sich Interpretation, Stimme und Produktion über mehr als drei Jahrzehnte verändert haben, während die emotionale Grundidee bestehen bleibt.
„Ohne dich“ gehört dadurch zwangsläufig zu den interessantesten Songs für langjährige Fans. Hier lässt sich „Flashback“ nicht nur als Albumtitel verstehen – der Rückblick wird hörbar zum Bestandteil der Tracklist.
5. Aus meinem Kopf
Mit „Aus meinem Kopf“ landet Reim direkt in jenem emotionalen Gebiet, das ihn 1990 berühmt gemacht hat: Eine Beziehung ist vorbei, vernünftig betrachtet ist alles geklärt – nur das eigene Gefühlsleben hat davon offenbar nichts mitbekommen.
Der Kopf akzeptiert die Trennung, das Herz weigert sich. Genau diese Zerrissenheit verbindet „Aus meinem Kopf“ bewusst mit „Verdammt, ich lieb‘ dich“. Musikalisch wird der Song von einem treibenden Beat, markanten Gitarren und kräftigen Drums getragen. Und hier funktioniert das Konzept von „Flashback“ besonders gut. Reim kopiert seinen größten Hit nicht. Stattdessen greift er dessen Grundkonflikt wieder auf: Gefühle verhalten sich nicht vernünftig. Mit 68 lässt sich das offenbar genauso glaubwürdig besingen wie mit Anfang 30.
Vielleicht sogar glaubwürdiger. Denn wer lange genug lebt und liebt, weiß irgendwann ziemlich genau, dass ein Schlussstrich auf dem Papier und ein Schlussstrich im Kopf zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sein können.
6. Keine Freunde bleiben (feat. Mia Julia)
Dann kommt Mia Julia – und mit ihr einer der offensichtlichsten Versuche des Albums, Reims klassische DNA mit gegenwärtigem Popschlager zu verbinden.
„Keine Freunde bleiben“ beschäftigt sich mit der Frage, ob zwei Menschen nach dem Ende einer Beziehung tatsächlich problemlos Freunde werden können. Die Antwort des Songs fällt ziemlich eindeutig aus: Manchmal ist ein vollständiger Schnitt ehrlicher als eine Freundschaft, hinter der weiterhin Gefühle und Verletzungen lauern. Reims Sohn Julian war an Komposition und Produktion beteiligt und brachte auch Mia Julia als Duettpartnerin ins Spiel.
Musikalisch trifft Reims rauere Stimme auf Mia Julias direktere Party-Pop-Energie. Das macht den Song eingängig, allerdings gehört er für mich zu den Titeln, bei denen die Modernisierung am deutlichsten hörbar sein soll und damit vermutlich auch am stärksten polarisiert.
Wer Matthias Reim lieber mit Rockkante hört, dürfte andere Stücke des Albums bevorzugen. Als bewusst unkompliziertes Duett funktioniert „Keine Freunde bleiben“ jedoch sehr ordentlich.
7. Gottverdammte Nacht
Schon der Titel könnte kaum typischer für Matthias Reim sein.
„Gottverdammte Nacht“ besitzt genau jene große, leicht überhöhte Emotionalität, bei der andere Sänger schnell ins Pathetische abrutschen könnten. Bei Reim gehört sie dagegen seit Jahrzehnten zur musikalischen Identität. Besonders wichtig ist, dass er selbst den Song als eine der gewichtigen Balladen des Albums hervorgehoben hat. Es geht um eine Geschichte, deren Bedeutung sich entwickelt und schließlich in eine Erkenntnis mündet. Gerade solche erzählerischen Balladen produziert Reim nach eigener Aussage besonders gern.
Und tatsächlich braucht „Flashback“ diesen Moment. Nach mehreren direkt nach vorne gehenden Songs nimmt die Platte emotional Geschwindigkeit heraus. Hier zeigt sich außerdem eine der Stärken Reims: Er muss Gefühle nicht verklausulieren. Wo andere Songwriter zwölf Metaphern benötigen, reicht bei ihm im Zweifel eine gottverdammte Nacht.
Man weiß sofort, dass diese vermutlich nicht besonders gut gelaufen ist.
8. Die Sterne lügen
„Die Sterne lügen“ gehört zu den leichteren und humorvolleren Momenten des Albums. Die Grundidee ist angenehm unkompliziert: Was passiert, wenn Horoskop oder Sternzeichen behaupten, zwei Menschen passten eigentlich überhaupt nicht zusammen – die Realität aber offensichtlich anderer Meinung ist?
Die Antwort lautet sinngemäß: Dann liegen eben die Sterne falsch. Genau diese Liebeserklärung gegen astrologische Regeln wurde auch von der Plattenfirma als Kern des Songs beschrieben.
Mir gefällt daran vor allem, dass „Flashback“ damit kurz Abstand von Trennung, Herzschmerz und Erinnerungsarbeit gewinnt. Reim kann Liebe schließlich auch besingen, ohne dass vorher zwingend jemand die Wohnung verlassen haben muss. Außerdem besitzt der Song eine charmante Bodenständigkeit. Keine kosmische Konstellation ist wichtiger als das, was zwei Menschen tatsächlich miteinander erleben.
Für einen Song namens „Die Sterne lügen“ ist das fast schon angenehm unromantisch romantisch.
9. Außer Atem
Bei „Außer Atem“ kehrt „Flashback“ wieder zum direkten emotionalen Vokabular zurück. Schon der Titel passt perfekt in Reims Welt: Gefühle sind hier selten nur Gedanken – sie äußern sich als Herzklopfen, Kontrollverlust oder eben Atemlosigkeit.
Im Albumfluss funktioniert der Song vor allem als Energiegeber. Nach dem augenzwinkernden „Die Sterne lügen“ geht es wieder stärker um unmittelbare Emotion statt um Distanz oder Ironie. Dabei fällt auf, wie konsequent Reim auf der gesamten Platte an seiner eigenen musikalischen Sprache festhält. „Flashback“ versucht gar nicht, plötzlich cool oder intellektuell abgeklärt zu wirken.
Und das ist durchaus eine Stärke. Wo andere Künstler nach Jahrzehnten Karriere vielleicht bemüht nach einem komplett neuen Image suchen würden, sagt Reim sinngemäß: Das hier sind meine Themen, das hier ist meine Sprache – warum sollte ich plötzlich so tun, als wäre es anders?
10. Niemals wieder
„Niemals wieder“ ist mit gut vier Minuten einer der längeren Songs des Albums.
Allein die Formulierung besitzt im Reim-Kosmos natürlich eine gewisse Ironie. „Niemals wieder“ ist schließlich eine ausgesprochen endgültige Aussage – und wenn die vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte seiner Songs eines gezeigt haben, dann, dass Gefühle ausgesprochen schlecht darin sind, endgültige Entscheidungen zu respektieren.
Gerade deshalb passt der Titel so gut zu „Flashback“.
Die Platte beschäftigt sich permanent damit, wie Vergangenes wieder auftaucht. Menschen verschwinden, Beziehungen enden, Erinnerungen bleiben. Was man endgültig hinter sich gelassen glaubte, steht irgendwann erneut vor der inneren Tür. „Niemals wieder“ gehört damit zu jenen Titeln, die das Grundmotiv des Albums besonders gut spiegeln: Vergangenheit ist nicht vorbei, nur weil wir beschlossen haben, sie so zu nennen.
11. Von fernen Sternen
Der spannendste historische Fund des Albums dürfte „Von fernen Sternen“ sein.
Denn der Song führt weit vor „Verdammt, ich lieb‘ dich“ zurück. Es handelt sich um eine Neuaufnahme von Matthias Reims erster Solosingle aus dem Jahr 1984. Damals blieb der Titel weitgehend unbeachtet. Mehr als vier Jahrzehnte später holte ihn Reim für „Flashback“ erneut hervor – angeregt durch seinen Sohn Julian, der auf alte Aufnahmen seines Vaters gestoßen war.
Besonders interessant: Der Text blieb nach Reims Aussage erhalten. Die neue Fassung versetzt die alte Science-Fiction-Idee dagegen klanglich in eine modernisierte Version ihrer ursprünglichen 1980er-Welt; Reim selbst spricht unter anderem von einem Michael-Jackson-artigen Groove und einem gewissen „Major Tom“-Gefühl.
Damit ist „Von fernen Sternen“ für mich einer der wichtigsten Songs der Platte. Hier macht Reim nämlich genau das, was der Albumtitel verspricht: Er öffnet eine musikalische Zeitkapsel, ohne das darin Gefundene einfach unverändert ins Regal zurückzustellen.
12. Alarm
Nach der ausladenderen Zeitreise von „Von fernen Sternen“ ist „Alarm“ mit 3:19 Minuten wieder deutlich kompakter.
Der Titel passt zu einer Platte, die emotionale Zustände grundsätzlich lieber mit Ausrufezeichen als mit Fußnoten beschreibt. Reim war nie der Sänger der kleinen akademischen Analyse. Wenn etwas schiefgeht, dann brennt es. Wenn jemand fehlt, dann richtig. Und wenn Gefühle aus dem Ruder laufen, herrscht eben Alarm. Gerade solche kompakten Songs verhindern, dass die zweite Albumhälfte nach dem konzeptionell wichtigen „Von fernen Sternen“ zu sehr in nostalgischer Betrachtung versinkt.
„Flashback“ will schließlich nicht ausschließlich Erinnerungsalbum sein, sondern weiterhin als aktuelle Matthias-Reim-Platte funktionieren. „Alarm“ erfüllt innerhalb dieser Dramaturgie deshalb eine wichtige Rolle: zurück in die Gegenwart, Puls hoch und weiter.
13. Wir waren doch mal Freunde
Mit „Wir waren doch mal Freunde“ folgt der längste Song des Albums: 4:11 Minuten.
Schon der Titel verändert die Perspektive. Viele Reim-Songs kreisen um Partnerschaften und gescheiterte Liebe. Hier steht dagegen zumindest sprachlich etwas anderes im Vordergrund: die Erinnerung daran, dass zwischen zwei Menschen einmal Nähe und Vertrauen bestanden haben.
Und plötzlich wird „Flashback“ noch etwas interessanter. Denn Rückblicke bestehen schließlich nicht nur aus alten Liebesbeziehungen, sondern ebenso aus Freundschaften, Weggefährten und Menschen, von denen man irgendwann nicht mehr genau weiß, wann sie eigentlich aus dem eigenen Leben verschwunden sind. Gerade in einem Album, das sich mit mehr als 35 Karrierejahren auseinandersetzt, wirkt eine solche Perspektive stimmig. Je länger das eigene Leben wird, desto größer wird zwangsläufig auch das Archiv jener Menschen, mit denen man irgendwann einmal verbunden war.
Der melancholische Grundgedanke passt hervorragend zum Gesamtkonzept.
14. Keine liebt mich so
Kurz vor Schluss kehrt Reim mit „Keine liebt mich so“ noch einmal zum zentralsten Thema seiner Karriere zurück: Liebe.
Was auf dem Papier fast wie ein archetypischer Schlagertitel aussieht, funktioniert im Kontext von „Flashback“ gerade deshalb. Nach all den Zweifeln, Trennungen, alten Erinnerungen und verpassten Beziehungen steht plötzlich eine deutlich positivere Aussage im Raum.
Darin liegt ein schöner Kontrast.
Denn Matthias Reims musikalische Figuren sind häufig besonders überzeugend, wenn sie leiden. „Keine liebt mich so“ dreht diese Perspektive zumindest dem Titel nach um: Nicht der Verlust wird zum Maßstab, sondern die Erkenntnis, jemanden Besonderen gefunden zu haben. Dass ein solcher Song erst so spät auf der Platte auftaucht, passt ebenfalls. Nach zahlreichen Umwegen darf ein Flashback schließlich auch zu der Erkenntnis führen, dass die Gegenwart vielleicht gar nicht so schlecht ist.
15. Religion
Mit „Religion“ endet das Album nach 50 Minuten. Der Titel wirkt zunächst überraschend groß – insbesondere nach einer Platte, die sich hauptsächlich aus persönlichen Erinnerungen, Liebe, Verlust und Beziehungen speist.
Doch als Abschluss ergibt gerade diese Überhöhung Sinn. Denn Reims Musik behandelt Liebe seit Jahrzehnten beinahe wie eine Glaubensfrage. Menschen versprechen sich Dinge, zweifeln daran, fallen vom Glauben ab und versuchen es trotzdem wieder. Vernunft spielt dabei traditionell eine überschaubare Rolle. So gelesen ist „Religion“ ein passender Schlusspunkt für „Flashback“. Die Platte beginnt mit einer Zeitreise und endet bei einer maximalen emotionalen Überhöhung.
Dazwischen liegt ziemlich genau das, wofür Matthias Reim seit Jahrzehnten steht: Liebe kann großartig sein, katastrophal sein und manchmal beides gleichzeitig.
Das Albumcover von Matthias Reim – „Flashback“
Das Cover (siehe oben) zeigt den Sänger vor einer imposanten Wand aus zahlreichen Gitarrenverstärkern. Matthias Reim steht zentral im Bild, trägt eine dunkle Lederjacke und wird von gerichteten Lichtquellen hervorgehoben. Sein Schatten fällt deutlich auf die Verstärkerwand und verstärkt die rockige, leicht nostalgische Bildwirkung. Der handschriftliche Schriftzug „FLASHBACK“ verläuft groß über den oberen Bildbereich, während „MATTHIAS REIM“ in markanten Großbuchstaben am unteren Rand steht. Das Cover greift damit die Idee des Albums visuell auf: Reim blickt auf seine musikalische Vergangenheit zurück, bleibt dabei aber klar in der Gegenwart verankert. Die Verstärkerwand unterstreicht zugleich die Rock-Komponente seines Sounds und passt zum Konzept des Albums, frühere musikalische Einflüsse und Erinnerungen neu aufzugreifen.
Wie klingt Matthias Reim 2026?
Die interessanteste Erkenntnis von „Flashback“ lautet vielleicht: Matthias Reim versucht nicht, 2026 wie ein vollkommen anderer Künstler zu klingen.
Stattdessen fragt er, was an seinem ursprünglichen Sound noch immer funktioniert. Das bedeutet Rock-Gitarren, Pop-Schlager, große Refrains, direkte Sprache und vor allem diese sofort erkennbare raue Stimme. Gleichzeitig sind moderne Produktionen und Kooperationen wie jene mit Mia Julia Teil der Gegenwart.
Bemerkenswert ist Reims Aussage, bei „Flashback“ bewusst weniger über Streamingalgorithmen nachgedacht zu haben. Statt Songs lediglich nach aktuellen Plattformkonventionen zu konstruieren, wollte er wieder stärker in jene musikalische Richtung denken, die für ihn früher funktioniert hatte. Das hört sich zunächst konservativ an, ist aber in gewisser Weise sogar befreiend.
Denn ein Künstler mit mehr als 35 Jahren Karriere muss nicht mehr unbedingt beweisen, dass er jedem Trend hinterherlaufen kann.
Nostalgie oder Selbstkopie?
Natürlich besitzt das Konzept eine Schwachstelle.
Wenn ein Album ausdrücklich frühere Erfolgsrezepte, Textzeilen und musikalische Motive aufgreift, verläuft zwischen cleverem Selbstzitat und Selbstkopie eine ziemlich dünne Linie. Nicht jede Referenz wirkt zwangsläufig gleich stark. Und wer mit Matthias Reims früherem Werk wenig anfangen kann, wird vermutlich auch durch „Flashback“ kaum bekehrt. Dieses Album richtet sich eindeutig nicht gegen die eigene Vergangenheit.
Vielmehr umarmt es sie.
Gerade deshalb funktioniert der Ansatz für mich überwiegend. Reim behauptet nicht, dass er mit 68 einen neuen Matthias Reim erfinden müsse. Stattdessen setzt er sein heutiges Ich mit dem Musiker in Beziehung, der 1984 „Von fernen Sternen“, 1990 „Verdammt, ich lieb‘ dich“ oder 1993 „Ohne dich“ aufgenommen hat.
Dass Sohn Julian ausgerechnet durch alte Demos einen wichtigen Impuls für das Projekt gab, macht die Geschichte zusätzlich reizvoll: Die nächste Generation stößt auf die Vergangenheit des Vaters – und bringt ihn damit selbst wieder zum Zurückschauen.
Die stärksten Momente auf „Flashback“
Besonders interessant finde ich die Platte dort, wo das Konzept mehr bewirkt als bloßen Wiedererkennungswert.
„Von fernen Sternen“ ist dafür das beste Beispiel. Einen praktisch vergessenen Song aus der Zeit vor dem Durchbruch wieder hervorzuholen, ist spannender als einfach einen Hit von 1990 erneut aufzunehmen.
Auch „Aus meinem Kopf“ funktioniert, weil der Song den emotionalen Konflikt von „Verdammt, ich lieb‘ dich“ nicht nur zitiert, sondern Jahrzehnte später weiterschreibt. „Willkommen in meiner Zukunft“ bildet dagegen den notwendigen Gegenpol zum Rückblick, während „Gottverdammte Nacht“ Reims Stärke für große Balladen ausspielt.
Und dann gibt es „Ohne dich“, bei dem Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar aufeinanderprallen. Gerade diese Stücke machen aus „Flashback“ mehr als eine reine Nostalgieübung.
Fazit: Matthias Reim schaut zurück, ohne dort stehen zu bleiben
„Flashback“ von Matthias Reim trägt seinen Titel vollkommen zu Recht. Dieses Album hätte problemlos eine nostalgische Selbstfeier werden können: ein paar alte Hits neu aufnehmen, bekannte Refrains polieren und anschließend auf Tour gehen.
Reim entscheidet sich für einen interessanteren Weg.
Er benutzt seine eigene Diskografie als Material. Frühere Themen und Formulierungen tauchen wieder auf, ein Song von 1993 wird erneut hervorgeholt und mit „Von fernen Sternen“ gräbt er sogar seine erste Solosingle von 1984 aus. Gleichzeitig stehen aktuelle Stücke wie „Willkommen in meiner Zukunft“, „Aus meinem Kopf“ oder das Mia-Julia-Duett „Keine Freunde bleiben“ daneben.
Das Ergebnis ist keineswegs revolutionär. Wer eine radikale Neuerfindung von Matthias Reim erwartet, sucht auf „Flashback“ an der falschen Stelle.
Aber warum sollte er sich überhaupt neu erfinden?
Die spannendere Frage lautet, ob ein Musiker nach dreieinhalb Jahrzehnten noch etwas aus seiner eigenen musikalischen Sprache herausholen kann. Und darauf gibt „Flashback“ über weite Strecken eine überzeugende Antwort.
Manches wirkt sehr vertraut, gelegentlich vielleicht sogar etwas zu vertraut. Die ewigen Reim-Themen Liebe, Trennung, Sehnsucht und emotionaler Kontrollverlust sind weiterhin allgegenwärtig. Doch genau darin liegt auch seine Glaubwürdigkeit. Matthias Reim hat nie den distanzierten Beobachter gespielt. Seine Musik funktioniert dann am besten, wenn etwas emotional gerade gründlich schiefgeht und die Gitarren trotzdem nach vorne wollen.
„Flashback“ ist deshalb weniger eine Reise zurück ins Jahr 1990 als eine Begegnung zwischen dem Matthias Reim von damals und dem Matthias Reim von heute.
Und überraschenderweise haben sich die beiden offenbar noch eine ganze Menge zu erzählen.
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FAQ zu Matthias Reim – Flashback
Wann ist „Flashback“ von Matthias Reim erschienen?
„Flashback“ erschien am 18. September 2026 bei Hansa Local, einer Division von Sony Music Entertainment Germany.
Wie viele Songs enthält „Flashback“?
Das Album enthält 15 Tracks und hat eine Gesamtspielzeit von 50:09 Minuten.
Worum geht es auf Matthias Reims Album „Flashback“?
Das Grundkonzept verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Matthias Reim greift Themen, musikalische Ideen und sprachliche Motive aus früheren Phasen seiner Karriere auf und verarbeitet sie in neuen Songs. Inhaltlich dominieren Liebe, Verlust, Erinnerung, Leidenschaft und persönliche Erfahrungen.
Ist „Flashback“ ein Best-of-Album?
Nein. „Flashback“ ist keine klassische Best-of-Zusammenstellung. Die Platte enthält neue Studioaufnahmen und verarbeitet Elemente älterer Songs in einem neuen Kontext. Allerdings gibt es mit „Ohne dich“ und „Von fernen Sternen“ auch bewusst neu aufgegriffenes älteres Material.
Was hat „Flashback“ mit „Verdammt, ich lieb‘ dich“ zu tun?
Reim greift auf dem Album bewusst Motive und Formulierungen aus früheren Songs auf. Besonders „Aus meinem Kopf“ knüpft thematisch an den Konflikt seines 1990er-Hits an: Eine Beziehung sollte eigentlich vorbei sein, doch die Gefühle verweigern den Schlussstrich.
Was ist das Besondere an „Von fernen Sternen“?
„Von fernen Sternen“ basiert auf Matthias Reims erster Solosingle aus dem Jahr 1984. Sein Sohn Julian stieß auf das alte Material und brachte ihn auf die Idee, den Song für „Flashback“ neu aufzunehmen.
Wer singt mit Matthias Reim „Keine Freunde bleiben“?
Den Song singt Matthias Reim gemeinsam mit Mia Julia. Inhaltlich geht es um eine Trennung, nach der eine freundschaftliche Beziehung keine gute Lösung mehr darstellt. Reims Sohn Julian war an dem Titel als Autor und Produzent beteiligt.
Für wen lohnt sich „Flashback“?
Vor allem langjährige Matthias-Reim-Hörer dürften viele Anspielungen und Rückbezüge entdecken. Gleichzeitig funktionieren Songs wie „Aus meinem Kopf“, „Willkommen in meiner Zukunft“ oder „Keine Freunde bleiben“ auch unabhängig von der Kenntnis der älteren Diskografie. Wer Reims Mischung aus Rock, Pop-Schlager, großen Refrains und direkter Emotionalität mag, bekommt auf „Flashback“ sehr viel von genau dieser musikalischen DNA.


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